Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch”
Was ist nur los? Früher war das doch alles so einfach. Ich setzte mich an den Computer, holte tief Luft und schrieb. Und schrieb, und schrieb und schrieb. Eine innere Wut trieb meine Finger über die Tastatur, versetzte die Buchstaben und damit auch mich in Erregung und lies mich ziemlich bissige Texte schreiben. Wenn man sich meine alten Tagebucheinträge so durchliest, dann könnte man wirklich manchmal danken, da saß ein ziemlich wütender, junger Mann vor seinem Computer.
Und nun? Kaum hat SeiDu so etwas ähnliches wie einen Neustart gemacht, geht mir die Wut aus. Wenn ich mich früher über mich, mein Liebesleben, meine Mitmenschen, meine Familie oder die Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und der Politik im Speziellen aufregen konnte, dann ist dort heute: pure Gleichgültigkeit.
Aber, warum? Bin ich einfach nur erwachsen geworden? Desillusioniert vom Leben, den Intrigen und Affären der Politik, zermahlen von den Mühlen der Demokratie? Oder habe ich einfach wichtigeres zu tun, als mir um die Allgemeinheit Gedanken zu machen? Die Suche nach Fehlern, früher immerhin meine Spezialität, ist längst zur lästigen Nebenbeschäftigung im Tagesgeschäft des Lebens – Aufstehen, Arbeiten, Studieren, Arbeiten, Lernen, Leben, Schlafen – geworden. Die Frage nach dem Kontostand und den noch abzuleistenden Scheinen ist mit einem Mal wichtiger als der Inhalt des jüngsten Reformpaketes. Und das, obwohl ich Politik studiere. Selbst die Frage, welche Wurst ich mir zum Abendessen auf mein Brot lege, schafft es, mich emotional in größere Aufruhr zu versetzen, als die Frage, was die Kanzlerin in der Tibetfrage wohl unternehmen wird.
Bin ich also einfach nur erwachsen geworden? Oder, schlimmer, genauso unpolitisch wie die Mehrheit meiner Landsleute?
Nein. Der Grund liegt woanders. Er liegt in der Politik selbst. Ich kann mich nicht von Herzen dafür (oder dagegen) begeistern, weil sie mich nicht mehr inspiriert. Weil man sich für verstaubte Lösungen aus versteinerten Köpfen und vereisten Mienen nicht begeistern kann. Weil ich den Figuren in diesem Spiel nicht mehr traue, weil mir schon ihr Anblick zuwider ist. Angela Merkel, die Kanzlerin der hängenden Mundwinkel, des Achselzuckens und des Schweigens ruft genau das Gleiche auch bei mir hervor.
Es wird Zeit für eine Bundestagswahl.
bisherige Kommentare:
Thomas schrieb am Mittwoch, dem 26. 3. 2008:
bloß keine bundestagswahl jetzt! wen soll ich denn da wählen? die spd absolut plan- und vor allem charakterlos und alle anderen bewegen sich wie grashalme im wind.
niemand mit einer haltung. jeder verspricht alles und jedem was er hören will, bloß nicht anecken, das könnte wählerstimmen kosten!
wählbar ist scheinbar nur die cdu. doch obacht: mit angie vier jahre früher, hätte der 11.März von Madrid in Berlin oder Hamburg statt gefunden!
Dennis St. schrieb am Mittwoch, dem 9. 7. 2008:
Hey Julian,
hab heute zum ersten mal diese Seite entdeckt und deine Tagebucheinträge geradezu verschlungen. Ich will nicht anmaßend erscheinen, aber die Art und Weise, wie du von den Dingen schreibst, die dich bewegen, wie du die Welt siehst und analysierst, ist selten! Wenn ich deine Zeilen lese, dann ist es, als hätte jemand meine Gedanken in Worte gefasst. Sein wir doch mal ehrlich: Nur die wenigsten Menschen denken auf diese Art und Weise… Gott, die wenigsten Menschen stellen das Universum und die Welt in der wir leben überhaupt in Frage! Es ist schade, dass Leute wie wir selten sind… denn dadurch vereinsamen wir! Dennoch ist es schön zu wissen, dass dort draußen (irgendwo in köln!) noch eine verbundende Seele ist…
Ich danke dir für dieses kleine Stückchen Erkenntnis.
Liebe Grüße, Dennis