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Bin ich eigentlich glücklich?

Geschrieben von Alex in der Rubrik „Tagebuch von Alex

es macht auf jeden fall ein schönes gefühl zu lesen, was du schreibst. klingt wie ein großes stück zufriedenheit. das mir gerade fehlt. wünschte mir, ich könnte das leben auch so oder ähnlich betrachten.

Wenn ich auf meine ersten Tagebucheinträge zurückblicke, ohne sie zu lesen, dann sehe ich einen sehr traurigen Menschen. Der traurige Mensch war auch in der Lage zu schreiben. Er schrieb, wenn es ihm schlecht ging, also viele Abende. Und jetzt sitzt dieser Mensch wieder vor dem Computer und fragt sich, was man so melancholisches schreiben könnte.

Aber selbst das zweite Bier nach dem zweiten Wein und dem ersten traurigen Lied mag einfach nichts Trauriges entstehen. Auch die zehnte Frage am Tag, ob es mir gut ginge, mag mich nicht traurig stimmen. Ich habe immer noch ein Lächeln auf meinem Gesicht. Ich habe immer noch keine Sorgen, also keine richtigen Sorgen, aber noch viel wichtiger ich habe keine Sehnsucht.

Manchmal liegt es mir auf der Zunge. Ich möchte glücklich sagen, aber das bin ich nicht. Einerseits wehre ich mich dagegen, weil ich so gerne der Junge mit dem traurigen Blick war. Meine Freunde würden mich eher auslachen für den Satz. Die würden mich eher den Jungen mit dem Schlafzimmerblick nennen, aber andere hatten sehr wohl fast etwas Tragisches in meinen Blicken gesehen. Sie haben das gesehen, was ich gerne erblicke: traurige Augen, die glänzen und im Widerspruch zum Gesichtsausdruck stehen.

Dabei können Augen doch gar nicht traurig ausschauen. Oder doch? Ich behaupte ja immer sie sind die einzigen Stellen am Menschen, die nie lügen. Ich habe oft in meine Augen geschaut, mit viel Licht und mit wenig Licht. Ständig ändern sie ihre Farben. Mal grün, mal grau und mal blau. Vielleicht drücken die Farben auch die Stimmung aus. Bei meinem besten Freund sind strahlend blaue Augen immer Ausdruck großen Glücks, aber wenn sie grau sind, dann möchte ihn in den Arm nehmen. Dann will ich, dass er spürt wie gern ich ihn habe.

Ich möchte auch manchmal umarmt werden, einfach nicht allein im Bett einschlafen. Ich vermisse manchmal das Gefühl auf meiner Haut von jemand anderem berührt zu werden. Aber es ist keine Sehnsucht mehr wie früher.

Ich weiß nicht, wann es passiert, geschweige denn wie es passiert ist. Jetzt ist es da und ich akzeptiere es. Ich fühle mich gut. Ich bin zufrieden, aber ich traue mich nicht glücklich zu sagen. Dann wäre doch sowas die Spitze, somit auch das Ende erreicht. Das will ich nicht. Ich bin zufrieden. Und diesen einen Satz zu sagen, hat Jahre der Arbeit gekostet. Und es ist Arbeit das Leben zu ändern, ohne zu wissen wohin. Allein die Veränderung kostet immer wieder Kraft. Es hat immer etwas damit zu tun, die Angst zu überwinden. Die Angst vor dem ersten Mal, die Angst dem Chef die Meinung zu sagen oder auch die Angst sich mit jemanden zu treffen, der vielleicht nur zwei Fotos im Profil hatte.

Viele sind glaub ich neidisch, wenn jemand behauptet er sei zufrieden. Sie merken meistens, dass sie selbst nicht zufrieden sind. Dass sie manchmal ganz weit davon entfernt sind. Und dann kommen Sätze wie “Du bist nicht wirklich zufrieden.” oder “Du bist im tiefen Innern unglücklich.”

Und das schlimme ist: Ich wäre an ihrer Stelle genauso. Aber nicht jede ist so, wie man oben im Zitat aus einem Chat lesen kann.


Icon fürs Schreibdatum Mittwoch, 5. 3. 2008
 

bisherige Kommentare:

Daniel schrieb am Freitag, dem 7. 3. 2008:

Ich kenn das Gefühl wie es ist wenn man alleine Aufwacht und man sich wünscht endlich jemanden an seiner Seite zu haben! Ich war noch nie in einer Beziehung, weil ich nicht weiß ob ich hetero, homo oder bi bin. Dieses Gefühl ist echt scheiße…

Elaine schrieb am Montag, dem 10. 3. 2008:

Ja, dieses Gefühl kenne ich auch. Es ist ja nicht so als ob ich es gesellschaftlich nicht ertragen würde als bisexuell zu gelten. Damit hätte ich kein Problem. Aber für mich selbst ist es ein riesiges Problem. Ich hoffe einfach, dass mir irgendwann klar ist, was ich wirklich bin und dass ich damit glücklich sein kann. Oder aber, dass ich lerne mit meiner Bisexualität glücklich zu sein.

Phoenix schrieb am Montag, dem 10. 3. 2008:

@Alex:
Warum traust Du Dich nicht, zu sagen, Du seist glücklich?
Zufriedenheit ist ja nicht schlecht, zugegeben – aber das Gefühl von Glück kann sich doch trotzdem einstellen, oder? Und vor allem trotz all der Dinge, die man sich noch wünschen würde oder noch nicht hat.

Ich habe jedenfalls über die Jahre festgestellt, daß Zufriedenheit zwar eine stabile Lebensbasis ist; daß man aber darüberhinaus eine Menge gewinnt, wenn man sich traut, die glücklichen Momente auch als solche zu bezeichnen und zu würdigen, beispielsweise, wenn morgens die Sonne aufgeht und die Häuserfassaden in Gold taucht. Oder wenn der Akkordeonspieler am Alex ein geniales Stück von Bach spielt, das durch den Großstadtstreß hindurchklingt. Oder wenn in der Bäckerei am Eck frisch aufgebackene Baguettes duften. Oder in der U-Bahn ein Mensch mit einem wunderschönen Gesicht sitzt. Oder ein spielendes Kind einen anlacht. Oder einem wieder ein hübsches Gedicht einfällt, an das man monatelang nicht mehr gedacht hat, oder wenn…
Sowas halt.
Das ist doch Glück!
Gelebter Augenblick. Vollkommenes Jetzt im Detail.
Dankbarkeit, einfach nur dazusein. Trotz allem immer noch hierzusein. Die Welt anzunehmen, so wie sie ist. Freude zu spüren, ohne die dunklen Seiten zu verdrängen. Dankbarkeit empfinden, für das was ist, selbst wenn man noch genug zu gewinnen und erfahren hat und hätte.
Dieses Glück läßt sich nicht steigern, es ist schon das Maximum, da hast Du mit Deiner Vermutung, daß die Spitze dann schon erreicht sei, recht. Aber dieses Glück wartet jeden Tag auf Dich, an jeder Straßenecke und in jedem Raum, den Du betrittst. Und je häufiger Du es findest, desto reicher beschenkt fühlst Du Dich.
Und irgendwann dämmert Dir dann, daß dieses Glück immer da ist. Daß Du es nicht draußen im Gelärme findest, sondern in Dir selbst. Und wenn Du genau hinlauschst, findest Du es dort jeden Tag von Neuem.

Phoenix schrieb am Montag, dem 10. 3. 2008:

@Daniel:

Das Gefühl kenne ich, mir geht es seit fast fünfzehn Jahren genauso.

Ein Jahrzehnt davon hatte ich ein angeknackstes Selbstbewußtsein, weil ich in der Schule extrem gemobbt wurde, und traute mich (mit Elf und später) weder an meine erste große Liebe, noch (ab Sechzehn) an die anderen attraktiven Mädels ran. Zudem mich die meisten Mitschüler als „Schwuchtel“ beschimpften, weil ich mit diesem schüchternen Verhalten eben keine Freundin gewann, sie aber stillschweigend davon ausgingen, daß ich doch längst schon eine haben müßte, da sie mich letztlich in einem besseren Licht sahen, als ich mich selbst (aber leider neidisch waren und es für sich behielten)…
Ich selbst sah mich als 100% hetero, obwohl ich, rückblickend betrachtet, auch damals so ab Vierzehn durchaus schon den einen oder anderen Jungen schön und letztlich auch attraktiv fand. Das Problem war aber, daß ich allen Ernstes meinte, die Orientierung sei Entscheidungssache, ein erwachsener Mensch müsse sich halt für das eine oder das andere Geschlecht entscheiden – und ich entschied mich für Frauen, weil ich die spannender und attraktiver fand.
Die fünf Jahre danach hab ich gebraucht, um beruflich auf die Reihe zu kommen und mit mir selbst ins Reine zu kommen. Zu Beginn dieser Zeit war ich auch das erste Mal in einen Mann meines Alters verliebt, was mich etwas irritierte, weil ich noch nicht mit meiner ersten großen Liebe abgeschlossen hatte und zeitgleich in sie verliebt war. Gegenüber dem Jungen konnte ich das rein verstandesmäßig auch nicht zulassen, weil ich mich schließlich als hetero sah und auch nicht vorhatte, „schwul zu werden“.

Letztlich verlor ich dann beide, weil ich mich mit beiden aussprach und ihnen meine Liebe gestand (dem Jungen allerdings erst zwei Jahre später, als ich es mir auch verstandesmäßig eingestehen konnte).

Tja, und nun? Bin ich immer noch hetero, hab aber aus „sexuellem Notstand“ zuweilen „schwule Phasen“? Und wie wäre das, wenn ich mich erstmal nur mit Frauen ausprobiere? Würde ich dann in meinen Augen attraktive Männer nicht mehr attraktiv finden? Und mich ausschließlich mit Frauen „zufriedengeben“?
Ich hab diese Fragen samt der Schubladen mittlerweile in die Tonne gedrückt und für mich herausgefunden, daß sie mich nicht weiterbringen. Und von einem „Outing“ als „bi“ halte ich auch nichts, da es in unserer Gesellschaft letztlich eh eine Restkategorie ist, die einem niemand wirklich abkauft…weil in den Köpfen der meisten 0 oder 1, gut oder schlecht, hetero oder homo, halt der typisch westliche Dualismus steckt.
Außerdem hab ich für mich festgestellt, daß ich mich in ganze Menschen verliebe und dabei nicht in erster Linie aufs Geschlecht fixiert bin. Daher ist es mir z.B. auch unmöglich, meine Orientierung in Prozenten oder auf der Kinseyskala anzugeben – letztere würde ja erst am Ende eines ganzen Lebens Sinn ergeben, wo man dann Bilanz zöge und die gehabten Sexualkontakte abzählen würde…
Jedenfalls fände ich es sinnvoller, zwischen mono- und bisexuell zu unterscheiden; und mit hetero oder homo letztlich nur die jeweilige konkrete sexuelle Tätigkeit zu bezeichnen…vielleicht würde das der Realität näher kommen, als die üblichen Schubladen…

Was die Sehnsucht angeht – die legt sich zwar nicht wirklich mit der Zeit; aber mir hat es geholfen, festzustellen, daß es doch einen riesigen Unterschied zwischen Schmerz und Leid gibt.
Ja, Sehnsucht tut zuweilen weh; aber nein, deshalb mußt Du nicht darunter leiden. Leiden entsteht aus der Einstellung, die Du zum Schmerz hast. Wenn Du meinst, Schmerzen seien schlecht und müßten um jeden Preis vermieden werden – dann willkommen im Leid!
Gibst Du ihnen hingegen einfach ihren Raum, läßt sie zu und wendest Dich dann anderen Dingen und Wünschen zu (natürlich auch dem der Beziehungsfindung!) und packst sie an, dann ist es eigentlich ganz gut auszuhalten.
Und die kleinen stillen Glücksmomente im Alltag warten trotzdem noch auf Dich, jeden Tag von neuem. :-)

Hmm, sorry, das war jetzt etwas zu lang getextet, aber mir war grad danach…

Daniel schrieb am Dienstag, dem 18. 3. 2008:

richtig

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