SeiDu.Blog

Die Kinder würden sich echt freuen

Geschrieben von Alex in der Rubrik „Tagebuch von Alex

Das Glück des Gesunden ist seine Fähigkeit zu verdrängen. Und irgendwie verdrängte ich nach meiner langen Oscarnacht die SMS um 6.45 Uhr. Sie riss mich kurz aus dem Schlaf. Ich las und vergaß. Erst im Laufe des Tages schaute ich leicht gelangweilt durch die Nachrichten in meinem Handy und mein Blick blieb an diesem Namen haften, den ich schon lang nicht mehr dort fand.

Zuerst war ich überrascht, dass diese Nummer noch existierte und dann fing ich an nachzudenken, wie lang das wohl her sei. Überhaupt ist diese Frage “Wie lang ist das nochmal her?” zu oft aufgetaucht in letzter Zeit. Nicht, dass ich mich älter fühle, aber irgendwie anders. Ich bin den Blick in die Vergangenheit gewohnt, aber nicht das Vergessen daran. Auf einmal sind manche Erinnerungen nur noch ein verstaubtes Buch. Es ist eklig anzufassen. Dann versuche ich mit einem tiefen Atemzug und einem genauso kräftigem Luftstoß den Staub weg zu pusten und nachdem sich der Nebel etwas lichtet, fange ich an den Seiten zu blättern.

Genauso entblättern sich meine Erinnerungen, die vor allem durch StudiVZ und Facebook wieder angefeuert werden. Auf einmal tauchen Menschen auf, die ich lange gesucht hatte. Es wird von Klassentreffen gesprochen, nach über zehn Jahren das erste Mal. Mit einem Mal tauchen alte Klassenkameraden auf Fotos von der ersten Freundin und Tanzpartnerin (ja, ich hab es mal versucht) auf und wirken wie Verlobte in einer Beziehung, die alt wirkt. Und mitten in der Nacht stellen sich die ersten Beklemmungen bei mir ein.

Ich bin überrascht, lächle und merke, dass ich seit fast zwei Minuten die Luft anhalte und mein Herz anfängt zu pochen. Ich frage mich, ob ich etwas falsch gemacht habe oder die. Auf einem Foto lächeln sie leicht verkrampft in die Kamera und mir fallen diese Jacken auf. Sie sehen gleich aus. Bis dahin dachte ich, dass Partnerlook ein Gerücht sei.

Ich versuche fast verzweifelt dieses kleine Mädchen von damals zu sehen. Bei ihm konnte ich mir das irgendwie vorstellen, bei ihr eigentlich auch. Aber die Unschuld ist weg. Wo sind die Kinder in ihnen?

Ja, Kinder. Dieses Wort sticht mir in der SMS von 6.45 Uhr wieder und wieder ins Auge. Es sieht so platziert aus. Sie wollte mir damit sagen, dass sie jetzt zweifache Mutter ist. Sie wollte immer Mutter sein, solange ich sie kenne. Sie hatte sich schon immer um ihre Schwestern gekümmert, während ihre Mutter allein das Geld erarbeitete. Und als sie überraschend schwanger wurde, gingen mir die Witze aus. Es war nicht mehr lustig. Das Kondom ist gerissen. Sie nahm nicht die Pille und ich war der erste Ansprechpartner in dieser Schocksituation.

Gratulieren war unmöglich. Und dann kam schnell die Freude, ob mit oder ohne Hormonen. Und mir lastete diese eine Sache an: Ich hab mich nicht gefreut. Ich durfte auch nicht. Und ab da begann der Bruch zwischen mir und einer meiner besten Freundinnen.

Ihre Welt änderte sich. Meine auch. Aber es ging in komplett andere Richtungen.

Sie kümmerte sich um Kindererziehung, quasi Ehe, Windeln, Fernuni und so weiter. Und ich entdeckte mich selbst, schlief aus am Wochenende oder trank, wenn ich trinken wollte. Ich lernte sehr viele neue Menschen kennen und fing an das Lernen zu lieben. Mit anderen Worten: Der Kontakt zwischen mir und ihr brach Stück für Stück weg. Irgendwie fehlten uns auch die Gesprächsthemen. Mein Leben wirkte neben das ihrer Familie belanglos.

Ja, sie hatte schon eine Familie! Ich bin davor geflohen. Ich wollte über so etwas nicht nachdenken. Ich verdrängte und hatte Glück. Um mich herum nur Menschen, die keine Familien aufbauten. Es gab auch kein Klassentreffen bei dem ich Babyfotos anschauen musste. Und Hochzeiten waren nicht mal geplant im Freundeskreis.

Und jetzt diese SMS mit der Einladung zur Hochzeit. Sie heiratet, hat zwei oder sogar mehr Kinder? Sie ist immer noch mit ihrem Freund zusammen seit jeher und ist erwachsen. Nennt man das so?

Und ich grüble. Soll ich hin? Das erste Mal seit langer Zeit, dass ich etwas grüble. Was werde ich sagen und möchte ich erleben wie eine Freundin von mir einen Schritt geht, den ich nicht als freudig empfinde? Ich möchte einfach nicht lügen. Wenn jemand eine hässliche Jacke trägt, würde ich lügen können oder wenigstens um die Frage herum kommen. Aber ich kann nicht auf einer Hochzeit fröhlich sein und vielleicht Glück für das Ehepaar wünschen. Die Chance, das es ewig hält, ist doch so klein. Ich glaube an die Liebe, sogar an die große Liebe - aber sie ist so selten. Und ich sehe diese Liebe nicht. Ich sehe nur eine Verbindung, die kommen musste.

So lang schon zusammen, Kinder, lauter Eltern die Druck ausüben… fehlt nur noch das Haus und ein Haustier. Aber was danach kommt soll egal sein. Noch schlimmer, über ein Danach wird nicht mehr gesprochen. Das ist ja schon das Ende. Und genauso empfinde ich es.


Icon fürs Schreibdatum Dienstag, 26. 2. 2008
 

Einen Kommentar schreiben

* = diese Angaben werden benötigt