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Was hat das damit zu tun?

Geschrieben von Julian in der Rubrik „Weitblick, Meinung, Netzreport

Die Welt wäre langweilig und trist ohne Skandale. Sie wäre voll von seichten Soaps, langweiligen Sabine-Christiansen-Sendungen oder trivialen Gameshows. Das alles wird nicht passieren. Danke, Herr Dariani.

Wir schreiben das Jahr 2006 nach Christus und leben in einer aufgeklärten Gesellschaft. Mit Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Mit Menschenrechten und all dem Schnickschnack, der die moderne Welt so lebenswert macht. Wir sind gesegnet mit dem Internet, das uns alle Informationen bringt, die wir brauchen (oftmals sogar mehr, als wir zu verstehen in der Lage sind) und dank Web 2.0. können sich seit neuestem Studenten mit Studenten, Penner mit Pennern und Schwule mit Schwulen vernetzen. Das ganze wird garniert von einer kritischen Bloggosphäre, die sich selbst, das Internet und eigentlich sowieso alles neu aufbereitet und abseits jedes Mainstream-Verdachtes neu kommentiert.

Oft bestehen Blogs aus leidlich amĂĽsanten Links zu anderen Blogs, die leidlich amĂĽsante Bildchen oder Videos von anderen Blogs verlinkt haben. Oft kommentieren sie das Leben in einer Stadt, in einem Land, geben Auskunft ĂĽber lesbische Befindlichkeiten oder zeigen Nacktbilder. Und manchmal, ja manchmal, deckt sogar jemand echte Skandale in seinem Blog auf.

Blöde Fehler und ihre Folgen

So geschehen vor wenigen Tagen. Da tauchte eine reichlich geschmacklose Einladungskarte im Stil der Dritte-Reich-Judenhasser-Postille „Völkischer Beobachter“ auf, die sich ziemlich schnell als Einladung zur Geburtstagsfeier des Studiverzeichnis-Gründers Ehssan Dariani entpuppte. Er hatte sogar das Hakenkreuz gegen das Logo des StudiVZ ausgetauscht. Eigentlich wäre diese unwahrscheinliche Dummheit kaum mehr Wert als ein gedankliches in-die-Ecke-reihern, wenn die Blogger sie nicht mit anderen Themen vermischen würden – und sie in einer Art für sich instrumentalisierten, die dem sensiblen Thema kaum gerecht wird.

Ja, es ist sittlich verachtenswert Einladungskarten mit Hitlermotiven zu verschicken. Keine Frage. Und ja, es macht die Sache nicht besser, wenn der Hauptschuldige – in diesem Fall unzweideutig Ehssan Dariani – sich in seiner ziemlich gewundenen öffentlichen Stellungnahme zu diesem Thema als judenfreundlicher Halbschwarzer mit Vorliebe für Jazzmusik outet und sogar noch versucht, sich selbst mit jüdischen Humoristen wie Daniel Levy, der gerade eine Komödie über Hitler abgedreht hat, auf eine Stufe zu stellen.

Die Frage, ob es erlaubt sein sollte, über das planmäßige Ermorden von Menschen Witze zu machen oder die zentralen Machtinstrumente der Täter für billige Effekthascherei zu nutzen, sollte und muss diskutiert werden. Aber nicht an dieser Stelle, denn dieses Thema ist zu brisant und in Anbetracht rechtsextremer Wahlerfolge zu brisant, um dies hier sachlich tun zu können.

Vielleicht versuchen die Macher von Blogbar selbiges deswegen auch erst gar nicht, sondern garnieren ihre (gerechtfertigte) Verurteilung mit einer bizarren Mischung aus moralischem Zeigefinger und – Kapitalismuskritik. Hieß es zunächst noch, Dariani und seine Freunde wollten über eine Neonazi-Gruppe im Studiverzeichnis die ganze Studentengeneration an braunes Gedankengut heranführen, so liegt die Sachlage wenige Stunden später ganz anders.

Und was hat das damit zu tun?

Nun ist aus dem Ober-Studenten-Nazi, der es zulässt, dass sich in seiner Community neben der „Gruppe für Fans von Giraffen, die doof in Flugzeuge gucken können“ oder der „Vereinigung zur Kreuzung des Gürteltiers mit dem Erdmännchen“ auch eine Gruppe namens „I dream about Adolf Hitler“ finden lässt. Was, wie jedes Auftauchen von Neonazis, absolut bedauernswert ist. Aber kann man einerseits das Web 2.0 wollen, in dem sich jeder mit freien Gedanken mit jedem vernetzen kann, um dann Zensur zu fordern? Kann man den studivz-Moderatoren Zensur vorwerfen, wenn man diese doch eigentlich selbst wünscht ? Noch so eine Debatte die, in sachlicher Atmosphäre geführt, sicher zu erhellenden Ergebnissen käme, in der aktuellen Diskussion jedoch leider nicht vorkommt.

Statt nun also zu sagen „Dariani, sie haben einen Fehler gemacht, sich leidlich überzeugend entschuldigt, auf bald!“, oder konsequenterweise seinen Rückzug aus dem Betrieb des studivz zu fordern, kommt die Bloggosphäre mit dem nächsten Skandal um die Ecke. Fast scheint es so, als hätte man nur darauf gewartet, dem erfolgreichsten Web 2.0. – Produkt des deutschsprachigen Internets mal so richtig zu zeigen, wer im Internet den Hammer hält. Jedenfalls mischte sich in die Kritik an der Geburtstagseinladung des studivz-Gründungsteam-Mitglieds die Frage, wie so ein Projekt zu finanzieren sei. Dies hat nun rein gar nichts mehr mit der Geburtstagseinladung zu tun, taugt aber in bester Wild-West-Manier dazu, den moralisch angeschlagenen Gegner noch weiter zu diskreditieren und ihm damit sein überaus erfolgreiches Projekt zumindest ein wenig mehr zu gefährden.

Denn der Schwachpunkt des studivz sind, wie bei allen Internetprojekten, die Finanzen. Wer finanziert eine Internetplattform mit schätzungsweise 1000000 Usern? Privat ist das kaum zu stemmen, Werbung gibt es keine. Also: Wer bezahlt das?

Die Moral von der Geschicht

Das Unangenehme an der Geschichte ist, dass jedem Zuschauer nun Gewahr werden muss, dass sich auch das locker-leichte Studentenleben im Internet eben nicht von selbst finanzieren lässt, sondern, dass auch dort handfeste finanzielle Interessen dahinter stehen. Der Mensch lebt eben nicht von der Luft alleine, sondern benötigt Geld, um sich etwas zu essen kaufen zu können. Auch Ehssan Dariani. Und, auch das ist bedenkenswert, es zeigt, wie anfällig selbst die Bloggosphäre für billige Marketingtricks aller Art zu haben ist, wenn sie nur ein paar Seiten mehr digitale Selbstbeweihräucherung versprechen. Oder sollte es wirklich Zufall sein, dass die ungehörige Einladung des Ehssan D. just an dem Tag bekannt wurde, als das studivz seinen millionsten User feierte? Und das alles mitten in der Phase passierte, in der die Macher mit neuen Investoren verhandelten, um Geld locker zu machen – und somit eine erhöhte Medienpräsenz ihres Unternehmens buchstäblich Gold wert sein könnte? Das Internet ist vergesslich. Über Darianis Fehltritt wird bald keiner mehr sprechen. Sein Konto dürfte sich umso mehr darüber freuen.

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Icon fürs Schreibdatum Freitag, 17. 11. 2006
 

bisherige Kommentare:

Torsten schrieb am Freitag, dem 17. 11. 2006:

Es stellt sich die Frage, ob der Mark Zuckerberg, der jĂĽdische Inhaber von Facebook.com, mit dem angeblich gerade ĂĽber einen Verkauf von StudiVZ verhandelt werden soll, den Nazi-”Gag” besonders witzig findet. Ich finde die Auslassungen von Ehssan im StudiVZ-Blog vor der lauwarmen Entschuldigung sehr unprofessionell, hochtrabend und unsympathisch. Ăśber sein Auftreten bei verschiedenen Veranstaltungen wurden mir ebengleiches berichtet.

daniel poulenc schrieb am Freitag, dem 17. 11. 2006:

Die Blogger sollen die Einladung instrumentalisiert haben? Ist es nicht eher so, dass Dariani zunächst mal versucht hat, den Nazi-Jargon für eine flapsige Party-Einladung zu instrumentalisieren? Und da sollte man doch drüber diskutieren können, zumal wenn man weiss, dass die Veranstaltung eben nicht nur eine private Geburtstagsparty war, sondern ausschließlich als eine Art Betriebsfeier von StudiVZ, einschließlich der Anwesenheit einiger prominenter Vertreter aus der Belriner Gründerszene.

Aber es ist ja nicht so, dass der Ă„rger um StudiVZ nur darum geht (obwohl das weiss Gott schon Thema genug wäre). Die Blogger “vermischen” den Skandal mit anderen Themen, schreibst Du. Nun, das liegt aber an StudiVZ, und daran, dass es eine ganze Menge Dinge gibt, ĂĽber die man da reden muss. Die Nazi-Geschichte stand ja gar nicht am Anfang, es fing mit ganz banalen technischen Problemen an und fĂĽhrt bis zu Diskussionen ĂĽber die Vertraulichkeit der Nutzerdaten auf StudiVZ. Die Kommunikation des Unternehmens zu diesen Fragen ist bisher mehr als amateurhaft gewesen, bzw. da gab es ganz offenbar am Anfang die arrogante Haltung, dass man Kritik nicht ernst nehmen mĂĽsse. Und das ist eigentlich der Grund dafĂĽr, dass die Diskussion nun auf so einem lauten Niveau angekommen ist. Im Blog von Karsten Wentzlaff (www.karsten-wentzlaff.de) gibt es einige sehr gute Zusammenfassungen all der Themen, die im Zusammenhang mit StudiVZ diskutiert werden - es sind eine Menge.

Zum Thema Zensur: Klar ist das ein komplexes Thema, dass man auch eingehend diskutieren mĂĽsste. Das Problem mit StudiVZ ist hier auch eher, dass sie nach vorne eines reden und nach hinten anders handeln. Dariani hat in Interviews behauptet, es gebe eine “Zero Tolerance”-Haltung gegen rechtsradikale Tendenzen. Da stutzt man einfach, wenn dann solche Gruppen immer noch mitlaufen. Wenn es ihm darum geht, keine Zensur auszuĂĽben, soll er das sagen und begrĂĽnden.

Aber StudiVZ übt ja de facto Zensur, bzw. hat das getan. Nur nicht aus politischen Gründen, sondern in der Regel immer da, wo Kritik am Unternehmen geübt wurde: Da verschwinden schon mal Kommentare aus den Foren und Blogbeiträgen.

daburna schrieb am Freitag, dem 17. 11. 2006:

Richtigstellung zur Hitlergruppe hier: http://www.daburna.de/blog/2006/11/17/richtigstellung/

sixty4raccoon schrieb am Freitag, dem 17. 11. 2006:

Dariani hat nichts begriffen. Begreift nichts. Wird nie etwas begreifen. Außer seinem Portemonnaie. Auch keine Mädchenbrüste. ;-)

jo schrieb am Samstag, dem 18. 11. 2006:

Na, mir scheint bei “den Bloggern” wurde weit weniger “vermischt” als in obigem Artikel.

Mag sein, dass die Nazi-Einladung das Fass letztendlich zum Ăśberlaufen brachte, aber es war beileibige nicht der einizige Kritikpunkt, der thematisiert wurde.

Ich erinnere kurz an so unschöne Dinge wie die Belästigung junger Frauen in der Berliner U-Bahn mit anschließender Veröffentlichung der Trophäe im Internet, Domaingrabbing und Spamming, die - ich denke, man kann es so sagen - Täuschung der Community über die Risikokapitalfinanzierung (2.5 Millionen) noch Ende Oktober, u.v.m.

Zur Zensur: Da sollte man bitte zwei Dinge unterscheiden. Zum einen die “Zensur” kritischer Kommentare im Blog und nun wohl auch einer Diskussionsgruppe. Das ist nicht schön, letztendlich aber eine Entscheidung des Plattformbetreibers.

Eine ganz andere Sache hingegen, die nur wenig mit “Zensur” zu tun hat, sondern weit mehr mit juristischer Haftung und Verantwortung, ist das Wegschauen bei offenbar strafrechtlich/ verfassungsfeindlichen Gruppen, selbst wenn man von der Presse (konkret: Netzeitung) oder Usern auf sie hingewiesen wird.

Es geht hier nicht um aktives Monitoring. Das dürfte ohne Konzept (Filter, Watchdogs, o.ä.) von wenigen Mitarbeitern bei inzwischen wohl 200.000 Gruppen (jeder 5. User eine eigene Gruppe?) nicht zu leisten sein. Es geht um die Reaktion auf erfolgte und gerechtfertige Beschwerden.

Last, but not least:

“Oder sollte es wirklich Zufall sein, dass die ungehörige Einladung des Ehssan D. just an dem Tag bekannt wurde, als das studivz seinen millionsten User feierte?”

Das ist nicht nur ein ungeheuerlicher Vorwurf, sondern auch ein Zeichen äusserst nachlässiger Recherche.

Ein kurzer Abriss:
Am 2.11. postete jemand bei boocompany.com in einem Kommentar den Hinweis auf eine fragwĂĽrdige Domain, die von Dariani registriert wurde.

Das Posting blieb zwei Tage weitgehend unbeachtet, anschließend begann das große Rätselraten. Am 6. November wussten die ersten Blogger, dass über die zugehörige Webseite wohl kurzzeitig eine fragwürdige Einladung publiziert worden war.

Ab dem 7. November kursierten zwei Screenshots, einer offenkundig manipuliert.

Am 8. November habe ich dann einen Ausriss gepostet (Die Screenshots waren mir ĂĽber Nacht per Mail geschickt und ihr Inhalt aus anderer Quelle verifiziert).

Es wäre mir lieber gewesen, wenn Dariani, wissend, dass der Screenshot public und sein Inhalt bekannt ist, die Geschichte selber aufgeklärt und sich entschuldigt hätte. Der (Image-)Schaden wäre weit geringer gewesen.

Die Presseerklärung zum millionsten Besucher wurde laut ots erst eine Woche später veröffentlicht. Kontakt zu Dariani oder zum StudiVZ-Pressekontakt Thilo Bonow hatte ich bis heute keinen.

Beim nächsten Mal also bitte etwas sorgfältiger recherchieren oder auch mal nachfragen, wenn Dinge unklar sind. Danke.

jo schrieb am Samstag, dem 18. 11. 2006:

Kurze Korrektur: Der Verdacht, eine VZ-kritische Gruppe sei geläscht worden, hat sich als falsch herausgestellt.

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