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Ein Ort zum Atmen

Geschrieben von Alex in der Rubrik „Tagebuch von Alex

Zum dritten Mal habe ich den Text gelöscht. Sowas mache ich nie. Ich wollte schreiben, dass ich immer noch nicht mit dieser 26 auf meinem Personalausweis klar komme, dass ich doch bereue, obwohl ich nie bereuen wollte. Ich wollte sagen, dass ich leben wollte, wie andere leben und wollte sagen, dass ich wirklich Herzschmerzen habe, die kein Arzt dieser Welt kurieren könnte. Und es kommt mir so lächerlich und so weltfremd vor, was ich sagen wollte, weil es nicht nach mir klingt. Es ist irgendein Jammerlappen, der Ängste hat, die mit angeblicher Moral versteckt werden. Der Jammerlappen will nicht nur saufen, der will auch Sex und der will Liebe und weiß nicht ob er sie je bekommt. Was für ein Schwachsinn. Als ob nicht am Ende doch alles gut werden würde. Wird es doch immer.

Ich hätte auch nie gedacht, dass ich jemals sagen würde, dass mich die Menschen langweilen. Aber es ist so. Ich habe tolle Freunde, tolle Kollegen und viele Bekannte. Sie sind Teil meines Lebens und ich könnte ohne sie wahrscheinlich nicht einfach so weiter leben. Aber die Neuen, die Anderen - warum insspirieren sich mich nicht mehr? Und scheiße, ich frage warum. Die blödeste aller W-Fragen, wenn es um das Leben geht. Andere haben Gott für ihre Antworten. Ich habe gar nichts. Nur die Natur mit ihren Zufällen, die mich ständig herausfordern. Ja, die langweiligen Menschen wären auch eine Herausforderung, könnte man sagen, wenn nicht die Langeweile genau darin bestehen würde, dass sie mich nicht mehr herausfordern. Ich habe das Gefühl den gleichen Mist zu erleben. Es sind die gleichen Probleme, die gleichen Lösungsansätze. Es sind die gleichen Einstellungen, die gleichen Fehler. Es sind die gleichen Geschichten und die gleichen Witze.

Mir ist erst jetzt aufgefallen wie selten ich wirklich lache, aus tiefstem Herzen meine ich. Ich bin ein verwöhntes, deprimiertes Würstchen, dass sich darüber aufregt nicht genug Aufregung im Leben zu haben. Und je mehr ich darüber nachdenke und einem Freund zuhöre, der nicht hier sein will, desto mehr glaube ich das Köln daran schuld ist. Die Stadt ist mir zu klein geworden. Ich sehe ständig Menschen, die ich gestern auch schon sah. Ich fahre in der Bahn mit den selben Gesichtern. Diesen müden, abgefuckten Gesichtern. Kein Lächeln, keine Entspannung, aber frisch rasiert oder geschminkt. Wie ein altes Haus, das nur angestrichen wurde.

Ich will ausbrechen. Möchte wieder der Neue sein. Ich möchte sogar raus aus Deutschland, diesem tristen Land, dass sich krampfhaft an der letzten Fußball WM festhält. Es war nur Euphorie, nicht die deutsche Seele.

Ich möchte an einen Ort, wo die Menschen mir in die Augen schauen, mich herzlich umarmen können und selbst im tiefsten Winter die Wärme schenken, die im Innern wirkt. Doch wo ist solch ein Ort? Ist er nicht doch in einem Menschen zu finden, der mich liebt und den ich liebe? Was nützt einem ein schön dekorierter Raum, wenn man darin nicht atmen kann?

Und ich will tief durchatmen können. Und noch einmal. Für immer.


Icon fürs Schreibdatum Freitag, 27. 10. 2006
 

bisherige Kommentare:

tonsen schrieb am Freitag, dem 27. 10. 2006:

komm mit nach bangkok =)

Sven schrieb am Freitag, dem 27. 10. 2006:

Hallo Alex, Danke für deinen Text, schön, dass du ihn nicht noch ein viertes Mal gelöscht hast. Du sprichst mir in vielen Punkten echt aus der Seele. Wenn man die Leute so anschaut, die einem in der Stadt so begegnen, scheint niemand wirklich zufrieden zu sein. Kein Lächeln, kaum jemand, der mal eine freundliche Geste zeigt.
Auf jeden Fall erinnerst du mich daran, in dieser hektischen Welt wieder ein bisschen mehr darauf zu achten, ein bisschen mehr auf andere zu achten. Eben ein bisschen mehr Wärme zu geben. Ich werde es versuchen und hoffe, irgendwann auch selbst wieder ein bisschen davon zurück zu bekommen.

Maxima schrieb am Freitag, dem 27. 10. 2006:

Dann geh! Pack deine Sachen, hör auf zu zögern und geh! Ansonsten wird es dir so gehen, bis du 60 bist und ins Grab fällst!

Ben schrieb am Freitag, dem 27. 10. 2006:

Wäre ich nur ein Klugscheißer, würde ich sagen: “Auf dem Personalausweis steht doch nicht 26, sondern 1980, du Spaßvogel.”

Gut, ich bin zwar leidenschaftlich gerne Klugscheißer, aber nicht nur.

Ich verbeuge mich und sage Dankeschön für den wundervollen, ehrlichen und mutigen Text, mit dessen Inhalt ich mich eben identifiziert habe.

Julian schrieb am Sonntag, dem 29. 10. 2006:

Jepp. Du schreibst, was ich fühle, seit ich hier wohne.

Sollen wir uns ein Atoll in der Südsee kaufen? Oder ne Farm in Südafrika?

Ich vermute, auch diese Orte würden - wie alle anderen auch - irgendwann zu eng. Drachen sollen fliegen. Irgendwohin. Und immer wieder - irgendwohin.

bis bald,
julian

Jack schrieb am Montag, dem 13. 11. 2006:

Und irgendwie hoffen wie alle unser Utopia noch zu finden.

andre schrieb am Samstag, dem 6. 1. 2007:

ein schöner text, geht mir auch oft so. doch in die dritte welt auswandern? da musss man ganz schön abgebrüht sein das elend dort zu verdrängen.
der fluch der globalisierung, es gibt keine freien inseln mehr. verämderung beginnt hier, nicht dort.

piet schrieb am Donnerstag, dem 10. 7. 2008:

da ist einer genau da dran gestossen, wo alle irgendwann hin kommen, wenn sie sich nicht zudecken mit prestigegütern und anderen ablenkungen, wenn man mal so lichte mömente hat sollte man dsaran fest halten denn der gipfel des wahnsinns ist es, auf veränderung zu hoffen, ohne etwas zu verändern

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