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Lehrer

Geschrieben von janek in der Rubrik „Janeks Tagebuch

LehrerOkay, ich versuche jetzt mal das in die Tat umzusetzen, was schlaue Köpfe immer wieder vorschlagen, wenn hoffnungslose Jungschriftsteller ein kreatives Tief haben: Ich schreibe über die Leere, die es auf diesem Blatt zu füllen gilt. Es ist jetzt fünf Uhr morgens, draußen regnet es und ich höre melancholische Musik.

Der Tag heute war völlig unökonomisch. Ich habe die Hälfte verschlafen und die andere Hälfte vor dem PC gesessen – ohne Resultat. Aber eigentlich ist dieser Tag ja schon längst vergangen und ich bin gerade dabei den nächsten Tag zu vergeuden. Gestern habe ich mir eine Webcam gekauft und weiß nicht recht warum. Man hat heutzutage eben eine Webcam und deshalb brauchte auch ich eine. Nun steht sie auf dem Monitor und starrt mich traurig an. Warum Janek? Warum hast du mich gekauft? Dein Leben ist so öde, warum soll ich auch nur eine Sekunde davon filmen? Ich decke sie zu und frage mich, ob sie Recht hat. Ich studiere und werde wahrscheinlich einen Beruf ergreifen, den ich niemals machen wollte.

Schon als ich auf die Welt kam sagte mir meine Mutter noch bevor ich schreien konnte: „Kind, egal was du tust, werde niemals Lehrer. Hast du verstanden? Werde unter keinen Umständen Lehrer!“. Diese Botschaft wurde mir die ganzen folgenden Jahre hinweg immer wieder in mein Unterbewusstsein gehämmert und durch häufigen Kontakt mit ihrem gesamten Kollegium deutlich begründet. So schwankte mein Berufswunsch von Krankenpfleger, über Zirkusclown bis hin zum Taucher. Schließlich meinte ich, dass etwas medizinisches zu mir passen könnte. Da ich mir aber meiner Schusseligkeit schon früh bewusst war, kam von Anfang an nur ein Beruf aus diesem weiten Feld in Frage: Pathologe. Das war eine super Idee: Man kann niemanden töten, verdient viel Geld und die Patienten nerven nicht mit langweiligen Geschichten von Haustieren, Kindern oder Nachbarn. Als ich also dachte, meinen Traumberuf gefunden zu haben und auch schon Latein statt Französisch in der Schule lernte, meinte mein Hautarzt, das ständige Desinfizieren wäre nicht gut für meine empfindliche Haut und ich solle doch lieber etwas anderes machen. Nun, da ich mittlerweile aus dem Alter raus war, indem man Zirkusclown und Taucher für wirklich gute berufliche Perspektiven hält, musste ich nachdenken.

Irgendwie – heute weiß ich beim besten Willen nicht mehr wie – kam mir dann die Idee der Juristerei. „Ich werde Anwalt“ war fortan meine Antwort auf die nervige Frage „Na Kleiner, weißt du denn schon, was du werden willst, wenn du mal groß bist?“. Vielleicht war es gerade das, was mich in dieser Idee bekräftigte – als Anwalt könnte ich alle verklagen, die mir jemals diese Frage gestellt hatten. Meine Eltern waren natürlich auch sehr zufrieden; als Anwalt verdient man gut und niemand muss sich Sorgen um mich machen. Doch um es meinen Eltern nicht ganz so einfach zu machen verwarf ich diese von ihnen so geliebte Idee als ich etwa 16 war und hatte schließlich das Ziel, Journalist zu werden. Geschrieben hatte ich ja schon ab und an und die Mitarbeit bei SeiDu machte mir auch Spaß.

Dieser Berufswunsch hatte sich so fest verankert, dass er bestehen blieb bis kurz vor dem Abitur. Ich bewarb mich an der Uni Leipzig für den Diplomstudiengang Journalistik und wurde zum Eignungstest eingeladen – bei dem ich mit Bravur durchfiel. Nun stand ich da wie ein begossener Pudel – mein Leben hatte ich schon geplant, meine Weichen Richtung Leipzig gestellt. Was sollte ich nur mit den ganzen Promoartikeln der Leipziger Uni tun? Die Option Schriftsteller zu werden viel auch ins Wasser, nachdem ich meiner Deutschlehrerin ein Drama von mir zum Lesen gab und sie meinte, die Sprache wäre grandios, allerdings fehle Inhalt. Vor Lauter Ratlosigkeit und bekräftigt durch meine Mentorin bei einer Regionalzeitung, ein Späthippie, aber sehr liebenswert und wirklich ein Mensch, der mir begreiflich machte, wozu es Journalismus geben sollte und was ein guter Journalist können und machen sollte, wenngleich es kaum noch Lebewesen dieser Spezies gibt, beschloss ich also (lies diesen Satz ruhig mehr als einmal, ich musste es auch tun…) nach Italien zu gehen und innerhalb eines Jahres, indem ich mich so durchschlagen wollte, die Sprache zu lernen. Wie gesagt, ich wollte es meinen Eltern nicht so einfach machen mit ihren Zukunftsvisionen für mich. Leider stieß ich auf großen Protest und vielleicht hatte ich auch nicht genügend Mumm in den Knochen, sodass ich ein Studium an der Uni Jena begann.

Als Hauptfach wählte ich Anglistik/Amerikanistik, in den Nebenfächern Germanistik und angewandte Ethik. Frag mich nicht, was ich nach dem Abschluss damit vor hatte – ich habe keine Ahnung. Nach einem Semester war meine Unzufriedenheit ins Unermessliche gestiegen und ich beschloss, zu wechseln. Anglistik machte ich zum Nebenfach und schmiss die Literatur raus, Germanistik wurde zur Auslandsgermanistik (Deutsch als Fremdsprache) und an die Stelle der angewandten Ethik (ich weiß bis heute nicht, was ich mir dabei gedacht habe), trat die Romanistik. Nun studiere ich also im Hauptfach Romanistik (Italienisch) und in den Nebenfächern DaF und anglistische Sprachwissenschaft, und ich bin glücklich damit. Und was werde ich später damit machen? Zu 99 Prozent werde ich in der Erwachsenenbildung Fremdsprachen unterrichten: Ich werde also Lehrer. Und was soll dir dass alles sagen? Überlege gut, was du deinem Kind von Geburt an nahe legst, denn genau das, wird es nicht tun!


Icon fürs Schreibdatum Freitag, 29. 9. 2006
 

Ein Kommentar:

Stefan schrieb am Freitag, dem 29. 9. 2006:

Ich glaube, das kann man nicht so genau sagen. Ich kenne auch den Fall, wo es genau umgekehrt lief. Die Eltern haben, als das Kind noch in der Wiege lag, gesagt, welchen Beruf der Kleine später ausüben wird. Sie waren sogar so großzügig, dass sie sie eine Alternative vorgesehen haben, falls der Kleine den erstgenannten Beruf nicht erlernen möchte. So stand schon von vornherein fest, was er werden dürfe. Und es hat gewirkt. Wahrscheinlich haben sie so lange auf ihn eingeredet, bis der inzwischen groß gewordene Kleine tatsächlich diesen Beruf ausgeübt hat.
Aber wenn es auch so rum klappt, und die Kinder unter Umständen genau das tun, was die Eltern sagen, dann wäre es vielleicht am Besten, wenn die Eltern gar keine Wünsche äußern und die Kinder einfach machen ließen. Das ist auch nicht das schlechteste.

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