Geschrieben von Alex in der Rubrik „Tagebuch von Alex”
Heute Abend ging ich ein bisschen durch die Straßen und erholte mich von dem Schock, dass die NPD tatsächlich im McPommer Landtag sitzen wird. Ich trank meinen guten Wein dabei aus der Flasche und spielte mit dem Gedanken nach 3,5 Jahre Kölner Leben den Rostocker Einwohner Status fallen zu lassen. Ich bin kein stolzer Rostocker, kein stolzer McPommer mehr. Ich schäme mich, mal wieder. Sehe wie die Touristenströme etwas nachlassen werden und dem Land, meiner Heimat, noch mehr geschadet wird, als es ohnehin schon geschehen ist.
Wir hatten fast nichts, außer der schönen Landschaft, dem wenigen Wachstum und dem bisschen Hoffnung in wenigen Technologien und wetterabhängigem Tourismus. Jetzt haben wir die NPD. Ein brauner Schandfleck auf der sonst bunten Landkarte.
Und ich fing an zu überlegen, ob ich in Köln noch lange bleiben will. Wo will ich eigentlich hin in diesem Land? Wohin ich im Leben will, interessiert mich gar nicht so sehr. Aber welche Stadt könnte mich glücklich machen? Als ich vor 3,5 Jahren nach Köln ging, da interessierte mich was im Leben wichtig sein könnte und das war ein gutes Studium. Das zog mich in diese Stadt, in der ich jetzt anfange zu leben und mein Veedel zu definieren. Ich stellte mir ähnliche Fragen, die ein Freund in New York sich jetzt auch stellt, wenn er wieder zurück kommt. Wohin will er? Berlin oder Köln? Eine Pro Contra Liste half und da tauchte immer wieder der Punkt Menschen, Bekannte und Freunde auf.
Köln hält mich nicht. Aber ein paar Kölner tun es. Was passiert mit ihnen, wenn ich einfach so gehe, und zwar weiter weg als nur Bonn oder Düsseldorf? Ich bin zerissen zwischen den ganzen Welten, die in mir wohnen, in denen ich wohnen kann. Rostock, Köln und auch die Ukraine. Überall besitze ich jetzt Wurzeln, die an mir zerren, egal in welche Richtung ich mich bewege. Noch eine weitere Stadt und wer weiß noch ein weiteres Land würde es nicht einfacher machen. Ich habe den Anspruch an mich selbst an Menschen festzuhalten, an denen ich vorher schon festhielt. Ich kann nicht den Schnitt durch alle Fäden machen, die sich im Laufe der Zeit zwischen mir und den Menschen, die mir wichtig sind, entwickelt haben.
Und eigentlich wollte ich nur sagen, wie ich heute Abend diese Straße langging und durch die Fenster hinein schauen konnte in die Lebensräume der Anderen. Keine Gardinen, keine Rollos. Die Menschen ergaben sich einfach den Blicken der Anderen, der Neugierigen, deren Leben vielleicht so langweilig sind, dass sie gucken müssen. Auch in meine Wohnung kann man schauen, wenn ich es nicht verhindern würde mit einer Wand aus weißen Lamellen. Vielleicht weil ich nicht will, dass die Menschen sehen wie ich nackt herum laufe, vielleicht damit sie nicht sehen, dass ich nach fast 3 Monaten immer noch kein Bett und sonstige Möbel habe.
Ich gebe eine Menge preis mit diesen Tagebuch. Dieser Satz überrascht mich umso mehr, da ich von mir so gut wie nie etwas erzähle. Ich rede viel über mich, aber sagen tue ich nichts dabei. Das war und ist einer der wenigen Kunstformen, die ich beherrsche. Und diese Fenster ohne Sichtbarrieren erinnerten mich an mich, wie ich scheinbar alles offen lege und doch nichts zeige. Denn ich weiß nichts über das Leben dieser Menschen, die ich dort gesehen habe. Ich sah nur lauter Symbole und Hinweise aus denen ich eine Geschichte zaubern kann, die in meinem Kopf vielleicht schöner ist als in ihrer Wohnung. Das Holzspielzeug und ihre einfache Kleidung kann mir sagen, dass sie überzeugte Ökos sind, die ihre Kinder so gesund wie möglich erziehen wollen. Vielleicht sind sie auch einfach arm und wohnen deswegen im Parterre. So durchsichtig die Scheiben auch sind, sie lassen eigentlich nichts durch. Und je mehr wir glauben etwas zu sehen und zu verstehen, desto mehr müssen wir uns bewusst werden, dass es nicht stimmt.
Ich muss es wissen.
Ein Kommentar:
Wolfgang Hellwig schrieb am Montag, dem 18. 9. 2006:
Dieser Bericht bewegt mich zu tiefst und ich weiß nicht ob ich all die Gedanken zusammen fassen kann die mir schon beim lesen und auch jetzt durch den Kopf gehen. Auch ich bin ein Rostocker und seit 4 1/2 Jahren in Köln berufstätig - ja auch mich erschüttern solche Wahlergebnisse und sie machen mich traurig und wütend zugleich -mit stolz habe ich immer gesagt, das ich aus Rostock komme - und nun ; habe immer Werbung für das schöne Land MV gemacht -ihnen Urlaubsempfehlungen gegeben - und nun ; viele mit denen ich ins Gespräch komme haben mich schon wegen den schlimmen Ereignissen am Sonnenblumenhaus angesprochen doch das schien lange her zusein - und nun ??? Doch eins macht mir Mut,es gibt noch andere Menschen - wie den Verfasser Alex - die nicht aufgehört haben nachzudenken über das was um sie herum geschieht und um so besser finde ich es das in diesem Medium darüber geschrieben wird. Ich werde diese Seite meinen Freunden weiter empfehlen und sage weiter so - nehmt das gegebene nicht einfach so hin.