Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch”
Ich bin in Berlin. In der Stadt, in die ich immer wollte, in der ich oft genug zu Besuch war und die ich dennoch nie wirklich fühlen gelernt habe. Jetzt wohne ich also hier. In Kreuzberg, mitten im Kiez in einer Gegend, die als „Klein-Istanbul“ in Berlin bekannt ist. Parallelgesellschaft at its best, sozusagen. Und siehe da: ich genieße es.
Berlin ist mir nicht näher gekommen. Oder ich ihm, wie mans nimmt. Ich irre morgens mit Schlaf in den Augen durch die erwachende Großstadt, finde gerade so die richtigen Haltestellen von Bus und Bahn, verbringe den Tag im klimatisieren Großraumbüro, das für das Praktikum meine Heimat ist – und würde vermutlich abends nicht wesentlich mehr tun, als herumzuirren und nichts mit mir und der Großstadt anzufangen wissen, wäre da nicht dieser eine Junge. Der Junge, der bewundernswertes geschafft hat. Der in mir in kurzer Zeit mehr bewegt hat, als die meisten Menschen vorher. Er holt mich von der Arbeit ab und wünscht mir einen Guten Morgen, wenn ich aufgestanden bin. Er ist meine Orientierung in einer hektischen und schwierigen Zeit, die doch noch hektischer und schwerer wäre, ohne ihn. Er schafft es, mich innerhalb von zwei Sätzen soweit aus der Reserve zu locken, dass ich nicht mehr zurückkomme. Er durchbricht meine selbstgebauten Schutzwälle, um mich hilfloser und glücklicher denn je zurückzulassen. Er hat mir geholfen, Dinge zurückzulassen. Und das alles, ohne, dass ers wusste.
Wir sind seit knapp einer Woche ohne Unterbrechung zusammen. Normale Menschen würden mich jetzt nerven. Er nicht. Er ist einfach nur da. Bin ich verliebt? Ja, vermutlich. Irgendwie. Auf eine sehr seltsame Art und Weise sicherlich. Ich würde das nie so sagen, aber vermutlich stimmt es.
Und während ich julian-typisch so hin- und her grübele, passiert um mich herum so vieles, so viel mehr, als ich es aufnehmen oder zugleich verarbeiten könnte. Da wären meine WG-Mädels, die schaurig-schäbig-schöne Wohnung, der Bundestag, meine Zukunftsplanung, Kreuzberg, die vielen unterschiedlichen Eindrücke von Berlin, eine heraufziehende Erkältung. Ziemlich viel für meinen kleinen Provinzlerkopf. Ich fühle mich in dieser Riesenstadt oft hilflos, wie ein kleines Kind. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich – im Gegensatz zu scheinbar allen anderen Nicht-Touristen – immer noch auf Fahr- und Stadtpläne angewiesen bin, mich die Sehenswürdigkeiten der Stadt immer noch erstaunen und ich mich weder an den Rummel, noch an die Attraktionen, die Berlin ausmachen, bisher gewöhnen konnte. Die Schlagzahl, mit der die Dinge in Berlin geschehen, ist ungeahnt hoch. Ich komme mir vor, wie ein ziemlich unterklassiger Ruderer, wenn ich mich mit Berlinern vergleiche.
Die Schlagzahl in meinem Praktikum im Bundestag ist ebenfalls hoch. Viele Aufgaben müssen möglichst schnell möglichst gut erledigt werden. Das liegt mir. Ebenso liegt mir die Arbeit an sich. Sie ist wissenschaftlich, aber mit deutlichem Sachbezug. Und die Atmosphäre ist toll. Dennoch habe ich in den letzten Tagen nicht ein einziges Mal daran gedacht, meine Entscheidung zu revidieren. Ich habe keine Lust mehr auf Politik, aber riesigen Spaß an meinem Praktikum in der Politik. Klingt paradox, ist aber so.
bisherige Kommentare:
Volker schrieb am Sonntag, dem 10. 9. 2006:
Viel Glück in der Hauptstadt, Du wirst dort Deinen Weg finden und gehen.
Du musst erst noch richtig ankommen!
stefan schrieb am Sonntag, dem 10. 9. 2006:
Mir erging es in einem Praktikum so: Ich fand es total bescheuert, dass ich in einer Stadt, in der ich für diese Zeit gelebt habe, mich fühle wie ein Tourist. Ich wollte auf gar keinen Fall wie ein blöder Touri durch die Gegend irren, sondern souverän wie ein Einheimischer wirken, den nichts aus der Ruhe bringen kann. Dennoch hab ich so oft mit großen Augen gestanunt, wenn ich Neues gesehen habe. Oft habe ich mich verfahren, weil ich einfach nicht die Karte so oft nutzen wollte, wie es nötig gewesen wäre. Ich glaube, ich habe sogar weniger gesehen, als ich gesehen hätte, wenn ich mir alles als Tourist angeschaut hätte. Dennoch war es toll, in einer Metropole für eine Zeit zu leben, die viel quirliger war, als alles was ich bisher erlebt habe.
Ich habe auch in einer WG in einem ziemlich heruntergekommenen Haus gelebt. Um dieses Manko auszugleichen war die Miete aber umso höher…
Und ich hatte auch Glück bei der Arbeit. Tolle Arbeitsatmosphäre, nette Leute, interessante Aufgaben. Ich glaube, wenn ich ein Angebot bekommen hätte, wäre ich dort geblieben.
Lieber Julian, ich wünsche dir noch eine sehr schöne Zeit in Berlin. Genieße jeden Moment.
Alessinio schrieb am Montag, dem 11. 9. 2006:
Das Leben besteht aus einem einzigen Weg mit vielen Gabelungen und Richtungen. Manchmal treffen sich verschiedene Wege an jenen Gabelungen - man trifft sich und geht ein Stück gemeinsam durch die unbekannte Welt.
Und manchmal reißen die Wege, die sich so unwillkürlich getroffen haben, genauso unwillkürlich wieder auseinander.
Und manchmal wird man sich bewusst, dass die Willkürlichkeit im Grunde Wille ist. Wir entscheiden, welche Wege sich treffen und welche auseinandergehen…
Toby schrieb am Montag, dem 11. 9. 2006:
Nicht du musst Berlin, Berlin muss dich lieben.
Paule schrieb am Sonntag, dem 17. 9. 2006:
Berlin ist ein Ungeheuer, was es zu zähmen gilt. Aber das haben bis jetzt Millionen vor dir geschafft, warum du nicht auch?!
Pass gut auf meine Stadt auf, während ich Madrid zähme!! *g*
Patrick schrieb am Sonntag, dem 22. 10. 2006:
Hi!
Ein Praktikum beim Bundestag? Schön. Bei einem Abgeordneten oder in der Verwaltung? Wenn du Hilfe brauchst - in welchem Gebäude sitzt du denn? Im Jakob-Kaiser-Haus?