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Nicht gesehen und doch

Geschrieben von Alex in der Rubrik „Tagebuch von Alex

nichts gesehen und dochEine Rollstuhlfahrerin küsst ihren Liebhaber im Rollstuhl, während der Zug abfährt und die Leute sie anstarren. Sie knutschen sich, heftig und zeigen allen: Ihr schaut zu uns runter, aber nur weil wir es wollen. Und als ich 30 Minuten vorher in die Straßenbahn reinsprang, hielt ein 17jähriger die Tür auf für jemanden, den er in weiter Entfernung sah. Er sprintente und sprang 5 Sekunden nach mir durch die Tür und würdigte dem Junge nicht mal einen Blick, geschweige ein Danke. Und mich überraschte diese großzügige Geste von diesem Jungen. Er stand extra auf, um diesen Mann die Tür aufzuhalten. Diesem Mann, der nur 10 Minuten hätte warten müssen. Ich schaute dem Jungen im roten Pullover und den weißen Kopfhörern mehrmals in die Augen. Ich wollte ihn sehen. Er sah so zufrieden, entspannt und cool aus. Er ärgerte sich nicht darüber, dass ihn der Mann nicht angeschaut hatte. Er bemerkte meine Blicke, blieb aber ruhig. Er wurde nicht neugierig, warum ich mich mehrmals umständlich zu ihm hindrehte. Dabei wollte ich ihm sagen, wie überrascht ich war. Sowas Blödes eigentlich. Aber ich wollte ihm zeigen, dass er sowas öfter machen soll, auch wenn der Dank nicht immer gewiss ist. Ich hab mich nicht getraut.


Icon fürs Schreibdatum Samstag, 2. 9. 2006
 

bisherige Kommentare:

Raphael schrieb am Samstag, dem 2. 9. 2006:

Tja, manchmal passiert sowas. Er war ein Engel, weil er nicht nur bei Dir, sondern auch bei den anderen in der Straßenbahn für ein gutes Gefühl gesorgt hat. Du wirst ihn niemals wiedersehen.

Steven schrieb am Samstag, dem 2. 9. 2006:

Du wirst ihn niemals wiedersehen. Aber Du wirst das Gefühl an ihn niemals vergessen.

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