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Mit dabei: EindrĂĽcke vom Endspiel

Geschrieben von Henning in der Rubrik „Weitblick

26 Stunden auf den Beinen. Alles fĂĽr ein Endspiel im eigenen Land. EindrĂĽcke am Rande der Partie Italien - Frankreich, gesammelt im Berliner Olympiastadion und drum herum.

8:48h Mit Kloeppel im Zug
Die Einganshalle am Kölner Hauptbahnhof erinnert ein wenig an die Sixtinische Kapelle in Rom. Ein riesiges Deckenfresko zeigt Ballack, Podolski und Co. beim – natürlich, Fußballspielen.
Am Vortag habe ich im Internet mein Ticket gebucht, mit dem ICE nach Berlin. Am Vortag habe ich auch erfahren, dass ich ein Ticket für das Finale bekomme. Das Unmögliche (einen Sitzplatz zu buchen) wurde dann doch noch möglich (sogar am Fenster!). Zwei Reihen hinter mir sitzt Peter Kloeppel. Der RTL-Moderator hat Frau und Tochter dabei. Die Kleine drückt sich am Fenster die Nase platt. In der Reihe hinter mir sitzen zwei Jungen aus der Upper Class. Die zwei tragen Seidenschuhe, benutzen Handtaschen (!) von Gucci und haben lange zurückgegelte Haare. Mit ihren silbernen Handys versuchen sie vergeblich jemanden zu erreichen, den sie in Berlin kennen. Denn sie kennen sich in der Hauptstadt nicht aus. „Warst du schon mal da?“ fragt der Eine. „Nein, leider nicht“, antwortet der Andere. Und wer saß mir gegenüber? Drei TV-Journalisten aus Ecuador. Auf ihren grauen Akkreditierungen haben sie sich zusätzlich zum Namen und Organisation auch ihren Titel eintragen lassen. Entweder sind alle Ecuadorianer sehr schlau oder egoistisch.
Deutschland muss ihnen viel bieten. Sie sprechen von Beginn der Fahrt ganze zwei Stunden ohne Unterbrechung. Dann schläft einer nach dem anderen ein. Und es ist Ruhe. Endlich.

14:30h Franzosen beim Italiener
In Berlin gibt es tausende italienische Restaurants. Bisher kenne ich nur eins: Viale Dei Tigli , Wilhelmstraße 75. Der Laden war vollkommen überfüllt; Klar, denn schließlich stehen sie im Finale. Einmal beim möglichen Weltmeister essen. In Berlin, der Haupstadt. Das kann man in der Pizzeria um die Ecke nicht. Die Bedienung kommt nicht nach. Die Gäste besorgten sich die Speisekarten selbst, sie bezahlen auch quasi im Hinausgehen.
Aber gerade heute ist italienische Gelassenheit gefragt. Eine halbe Stunde warte ich auf die Menükarte. Bis die Pasta auf dem Tisch steht, vergehen fast weitere 30 Minuten. Ohne Parmesan. Aber es ist der Einzige, den ich kenne. Einen anderen, der so zentral liegt und dabei noch verhältnismäßig günstig ist, habe ich noch nicht gesehen.
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Die Welt zu Gast bei Freunden: Eine kleine Gruppe von Franzosen kommt ins Restaurant. Fast die Hälfte der acht tragen die blauen Trikots der Equipe. Sie werden sofort bedient. Guten Appetit. In ganz Berlin Mitte liegt der Luft von Fußball. Über den ganzen Fans mit ihren Fahnen in der Hand und Flaggen im Gesicht thront der Alex. Der Berliner Funkturm wurde von der Telekom wie ein Fußball gestaltet. Am Nebentisch sitzen Vater und Sohn. Der Ältere schwitzt ein weißes Shirt durch, während der Jüngere bei den heißen Temperaturen das adidas-Trikot der Deutschen trägt. Wirklich viel zu sagen haben sich die beiden nicht und beide tun mir irgendwie Leid. So viel Fröhlichkeit im ganzen Land und am Tisch herrscht Schweigen. Sonst schweigt niemand im Lokal. Als sie dann doch reden, fragen sie nach dem Public Viewing. „Wo schaut man denn am besten das Finale?“, fragt der Vater. Sie wollen zum Olympiastadion, ohne Karte. „Da gibt es keine Leinwand“, entgegne ich. „Achso.“ Irgendwie war es das dann mit dem Gespräch.

18:25h Im Stadion
Ich sitze auf meinem Platz. Zuvor musste ich vier Sicherheitskontrollen passieren. Erst dann war ich im Stadion. Block 11, Reihe 24, Platz 3. Die Sicht ist super. In den vorderen Reihe sitzen die Medienvertreter und haben alle einen kleinen Monitor. Bei Fouls werden hier – anders als auf den Leinwänden – die Wiederholungen gezeigt.

19:36h Kurzer Abschied an die Welt
Zu einem Finale gehört eine Abschlussfeier. Da die WM aber nicht die Olympischen Spiele sind – obgleich mehr Leute das Finale sehen, als die Eröffnungs- oder Abschlussfeier in Turin, bleiben dem kurzen Rahmenprogramm weniger als 15 Minuten. Toni Braxton singt ihren WM-Song, Shakira singt ihren WM-Song. Ein paar Kinder laufen mit den Trikots der Teilnehmerländer über die Bühne. Dann kommen auch schon die Mannschaften herein. Der Applaus der 69.000 Menschen ist überwältigend. Allez les bleus ! – Frankreich soll heute gewinnen. Immerhin haben die Italiener uns bei der WM im eigenen Land raus gehauen.

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20:07h Wenn die Technik versagt
Die Videoleinwände fallen aus. Nach kurzem Flackern sind die Anzeigetafeln nun schwarz. Selbst die Bildschirme auf der Medientribüne zeigen nur Schnee. Keine Wiederholungen mehr, nur noch Live-Fussball. Einigen Journalisten ist das zu viel. Sie schalten ihre Monitore am Platz erst mal vollkommen ab.

20:51h FuĂźball, bitte ohne Oper!
Normalerweise kommt in der Halbzeit immer ein kurzer Zusammenschnitt der bisherigen Höhepunkte. Aber heute ist Finale. Da kommt Placido Domingo. Oper und Fußball passen so gut zusammen wie Schlittschuhe und die Kirche. Er singt. Er geht ab. Es gibt wenig Applaus. Den Namen des Titels hat niemand verstanden.

21:12h Klinsmann und die Deutschen
Die Stimmung ist nur in den Fanblöcken richtig gut. Im TV werden nur die jubelnden Anhänger gezeigt. Auf den Haupttribünen sitzen Ehrengäste und Deutsche. Letztere machen mit „Jürgen Klinsmann“-Rufen auf sich aufmerksam. Sie wollen, dass der Trainer bleibt. Und natürlich: „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“ Die Deutschen stehen, der Rest bleibt sitzen.

22:18h Hut ab
Das ist Fair-Play: Die italienischen Fans klatschen, als der Franzose Thierry Henry ausgewechselt wird. Toll.
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22:19h Abgang eines Helden
Plötzlich liegt Marco Materazzi am Boden. Fast alle Fans (bis auf die Italiener) denken, er spielt nur etwas vor. Danach eilt Schiedsrichter Elizondo zum Linienrichter. Daraufhin stellt er Zinedine Zidane mit einer roten Karte vom Platz. Die Monitore auf der Medientribüne zeigen das Foul noch einmal. Wie ein Stier ging der Franzose auf seinen Gegenspieler los. Mit dem Kopf stößt er dem Italiener auf die Brust. Ein Raunen geht durch die Reihen der Journalisten. Viele springen auf und klatschen als Zidane unter die Dusche geschickt wird. Viele der 69.000 rufen wider besseres Wissen „Allez les bleus!“ Selbst bei der Siegerehrung der Italiener gibt es ein Pfeiffkonzert. Schade.

01:03h Chinesisch im Bus - Das Spiel ist aus
Bei der WM ist alles gesponsert. Das fĂĽhrt zu lustigen Situationen. Einige Mercedesbusse der Berliner Verkehrsbetriebe sind im Shuttlebetrieb und fahren ausschlieĂźlich Journalisten zwischen Hauptbahnhof und Stadion hin und her. Mercedes ist allerdings kein WM-Sponsor und deshalb werden die Busse mit Hyundai-SchriftzĂĽgen ĂĽberklebt. Die Journalisten sind nicht mĂĽde. Sie unterhalten sich lautstark ĂĽber das tolle Finale. Um mich herum sitzen drei Chinesen. Obwohl ich nichts verstehe, deutet einer von Ihnen auf die Akkreditierung seines Kollegen. Er hat dort eine Notiz der Matchticket-Hotline aufgeklebt. Offenbar fragt der Kollege nach dem Nutzen. Niemand brauch mehr eine Hotline fĂĽr irgendetwas. Das Turnier ist vorbei.

01:55h Feiern und schlafen am Hauptbahnhof
Tausende Fans sind am FIFA WM Bahnhof Berlin – Lehrter Bahnhof. Was für ein schrecklicher Name. Viele Fans schlafen auf dem Boden, weil sie keinen Zug mehr bekommen. Die einzige Toilette kostet 80 Cent. Händewaschen inklusive. Man an einem kleinen Tresen auch ein Zahnputzset kaufen. Bürste und Zahncreme für 2 Euro. Ein Franzose steht in der Schlagen. Ein Italiener – er sieht sehr müde aus – kommt hinzu. Er lehnt sich an ihn. Sie geben sich die Hand und lächeln. Die WM war friedlich, so haben alle gewonnen.

Auf dem Bahnsteig warten viele auf die „Entlastungszüge“, wie die Bahn die ICEs nennt, die zusätzlich eingesetzt werden. Ich spreche mit einem italienischen Pärchen. „We were very lucky tonight“, sagen sie, bevor sie in den Zug nach Basel steigen, der sie weiter nach Mailand bringt. Und da kommt auch schon mein ICE, der mich nach Hause fährt. Durch die Nacht, wenn Deutschland schläft und die Italiener feiern.


Icon fürs Schreibdatum Montag, 10. 7. 2006
 

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