Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch”
Ich kann mich an die Bilder nicht mehr erinnern und werde sie dennoch nie vergessen. Genauer gesagt habe ich sogar verdrängt, ob es sich um eine Ecke oder einen dieser gemeinen Freistöße fast von der Eckfahne handelte, der „meinem Team“ letztlich das Genick brach. Nur das Ergebnis selbst kann ich nicht vergessen. Dazu sitzt der Schock über zwei Gegentore so kurz vor dem rettenden Elfmeterschießen zu tief.
Kann man Schocks fühlen? Vielleicht kann man das. Jedenfalls war der kollektive Aufschrei des Entsetzens nie so greifbar, wie in jeder 118. Spielminute am gestrigen Dienstag. Das Theater, in dem ich mit einigen Freunden und vielen Fremden das Spiel schaute, war innerhalb einer Zehntelsekunde totenstill. Und blieb es, bis zum Abpfiff. Einige weinten, viele hielten sich in den Armen. Keiner sprach ein Wort, alle sahen unbeschreiblich traurig aus.
Und allen war klar gewesen, dass es kein Spaziergang werden würde. Uns allen war klar, dass wir würden kämpfen müssen. Aber eigentlich haben alle daran geglaubt, dass ein Sieg möglich ist. Das Finale in Berlin war ein großer, gemeinsamer Traum. Das Spiel hat gezeigt, wie berechtigt er war. Streckenweise toller Fußball, eine Mannschaft die mithalten konnte und ein Publikum, das europaweit seines Gleichen gesucht hat. Italien war ein schwerer Gegner, sie haben einen einzigen individuellen Fehler sofort bestraft. Sie waren cleverer - und nur dadurch wirklich stärker.
Deutschland hat viel bekommen, in den letzten Tagen. Es ist fast schon zu viel darüber geschrieben worden. Von neuem Wir-Gefühl war die Rede, von Party und von neuem Patriotismus. Was davon bleiben wird, bleibt abzuwarten. Die Party ist jedenfalls unwiderruflich vorbei. Ohne die Beteiligung der eigenen Mannschaft ist eine WM nur halb so interessant. Wenn überhaupt. Wer guckt schon das Spiel um Platz 3?
“Das Wunder von Berlin”
Für wenige Wochen war dieses normalerweise so lethargische Land von dieser „Wir können doch noch was“-Stimmung ergriffen, die möglicherweise eine der Erklärungen für die Frage bietet, warum die Emotionen in der Bundesrepublik so hochgekocht wurden. „Das Wunder von Berlin“ als Leistung einer Mannschaft, die vielleicht sinnbildlich für das Land aus dem sie stammt, unsicher sein musste, über die Frage, was es leisten kann. Und das am Ende eben doch gewonnen hat. „Wir sind doch noch wer“ als Antwort auf die deutsche Malaise, auf Massenarbeitslosigkeit und zahnlose Reformtiger in der Politik.
Nun sind wir wieder niemand. Für zwei Jahre, oder länger. Das ist schade, weil uns die gewisse Leichtigkeit eines Massenerlebnisses fehlen wird. Und es ist zu verschmerzen, weil jetzt wieder andere Dinge in den Mittelpunkt rücken, die eigentlich viel, viel wichtiger sind als Fußball. Die Gesundheitsreform zum Beispiel. Vielleicht haben die Deutschen – mit dem neuentdecktem nationalen Selbstverständnis im Rücken – ja jetzt die Kraft, der Kanzlerin ein wenig mehr Druck zu machen. Denn ebenso wie sich Deutschland gegen Italien keine individuellen Fehler leisten konnte, kann sich die Kanzlerin keine Fehler leisten. Es geht einfach um zu viel. Und es wird so schnell keine Jubelbilder mehr geben, mit der sie Preiserhöhungsärgernisse wird vergessen machen können.
bisherige Kommentare:
Bernd schrieb am Mittwoch, dem 5. 7. 2006:
Stern.de:
“Die Maßnahmen haben gegriffen, der Reformstau rund um die Nationalelf ist durch die Revolte eines Versessenen aufgelöst worden.”
Ich finde, diese Sätze in Verbindung zu Klinsmann sind die Metapher, die wir von der WM in die Politik übertragen können. Erinnern wir uns - vor noch nicht allzu langer Zeit hatten wir ein bräsiges, lethargisches Team, das seinen Zenit schon längst überschritten hatte und einen strunzlangweiligen Fußball zusammenspielte.
Dann kam jemand, der einen alten Zopf nach dem anderen abschnitt, sich traute Hierarchien zu hinterfragen und auch neue Trainings- und Spielsysteme gegen massiven Widerstand einfach ausprobierte - kurz, der um 180 Grad anders als seine Vorgänger war.
Die Begeisterung und Faszination der Massen rührt wahrscheinlich genau da her - zu sehen, was möglich ist, wenn man sich traut, eine Sache mit frischer Kraft und neuen Ideen anzugehen. Aber die momentane große Koalition im Land, die steht leider für Starre, Verschleppung alter bestehender Probleme und das Nicht-Hinterfragen von traditionellen Übeln. Neue Spielsysteme und Methoden sind von ihr schon gar nicht zu erwarten. Angela Merkel ist sozusagen der Berti Vogts der Politik.
Steven schrieb am Montag, dem 31. 7. 2006:
Eine Menge Deutscher für mich.