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Christiansen hört auf. Jauch auch.

Geschrieben von Julian in der Rubrik „Meinung, Julians Tagebuch

Warum tun manche Menschen, was sie tun. Diese Frage stellt sich dem Fernsehkonsumenten dieser Tage immer öfter. Fernsehsender produzieren eine Telenovela nach der nächsten, um sie dann nach deren Ende doch als eine Art „GZSZ für Arme“ weiterlaufen zu lassen, zur Fußball-WM laufen nur Schmonzetten und Hella von Sinnen bekommt eine eigene Talkshow.

Früher waren Talkshows einmal die Königsklasse deutscher Fernsehunterhaltung. Dann kamen die Bärbel Schäfers und Vera Int-Veens dieser Republik und schafften es, die Königsdisziplin in die Schmuddelecke zu reden. Als sich das Publikum irgendwann genug an menschlichen Abgründen gelabt hatten, wurden die Krawall-Ladys von den Kerners und Beckmanns abgelöst, die eher durch gepflegte Langeweile auffielen, als durch neue Erkenntnisse oder gar durch unkontrolliertes Blicken in menschliche Abgründe.

Es ist kein Zufall, dass die Inthronisierung der ehemaligen Tagesthemen-Moderatorin Sabine Christiansen und ihrer gleichnamigen Polit-Talkshow in genau diese Zeit fiel. Denn auch Christiansens Sendung fiel allenfalls durch gepflegte Langeweile auf. Und dadurch, das Frau Christiansen von allen Beteiligten am wenigsten auffiel. Es ist ein Zeichen der 90er Jahre, die bekanntlich aus Nichts Topstars machten, das Sabine Christiansen, die sich als Moderatorin nie gegen ihre hochkarätigen Gäste durchsetzen konnte oder wollte, dennoch zu einer „Star-Journalistin“ emporgeschrieben wurde. Journalistischen Charakter hatte die Sendung dabei nie – und hat ihn wahrscheinlich auch niemals angestrebt.

Vier zu eins

Statt eine ergebnisoffene Debatte über die politischen Fragen der jeweiligen Zeit fand ein Frage-Antwort –Spiel nach dem immer gleichen Muster und in wechselnder Besetzung statt: Vier sind dafür, einer ist dagegen – und damit der Buhmann. Im Verlauf der 60 Minuten Sendezeit wurden vermutlich mehr Phrasen ausgetauscht als auf fünf zufällig ausgewählten Wahlkampfveranstaltungen der großen Parteien. Derlei Dinge wurden freilich nie öffentlich in einem nennenswert großen Medium gesagt, auch wenn jeder Student im zweiten Semester wahrscheinlich genau das gedacht hat. Von den Entscheidern der Politik ganz zu schweigen. Bei denen war Frau Christiansen immer besonders beliebt, da sie jedem ihrer Gäste den Raum ließ, sich zu profilieren und nicht durch lästige oder gar kritische Nachfragen auffiel. Zur Belohnung stieg Sabine C., die ehemalige Stewardess, in die High-Society auf und hatte bald solch illustre Freunde wie Liz Mohn, Friede Springer und Angela Merkel.

Zuletzt spielte eher ihr Privatleben eine Rolle in den Medien, wenn sie denn überhaupt in den Schlagzeilen stand. Ihre Sendung, Ende der 90er noch so etwas wie das Pflichtprogramm derjenigen, die sich für politisch interessiert hielten, stagnierte sowohl quoten- als auch bedeutungstechnisch – wenn auch auf dem für Sonntagabende angemessenen hohen Niveau.

Die Wahl des Nachfolgers vermag zu schocken

Nun hört sie also auf, die selbst ernannte Talkshowqueen. Und will sich anderen Projekten widmen. Wir haben es mit Gruseln vernommen. Noch größere Schauer jagt uns allerdings die Wahl des Nachfolgers über den Rücken: es handelt sich um niemand geringeren als Günther Jauch, der von einer größeren deutschen Tageszeitung zuletzt als „der universelle Gesamt-Günther“ bespöttelt wurde. Zur Begründung hieß es ebenso salopp wie treffend: er moderiert einfach alles, vom seichten Talk („Stern TV“), über sinnbefreite Samstagabendshows mit dem Thema „Typisch Mann – typisch Frau“, RTL-Sportübertragungen von Skispringen bis Volleyball und bis hin zum Quiz „Wer wird Millionär“. In seiner von jeder Qualitätskritik befreiten Söldnermentalität wird er damit vermutlich nur von seinen Privatfernsehkollegen Hugo Egon Balder, Oliver Geißen und Sonja Zietlow übertroffen, die jedes noch so dämliche Sendekonzept wegmoderieren, solange es die geforderte Gage dafür gibt. Bei Jauch waren das zuletzt schätzungsweise 90000 Euro – pro Auftritt versteht sich.

Und jener Günther Jauch, der aus unerfindlichen Gründen jüngst zum erotischsten Deutschen gewählt wurde, soll nun also „Sabine Christiansen“ nachfolgen und den politischen Journalismus in Deutschland zu weiteren Blüten führen. Das wirkt auf den ersten Blick reichlich verblüffend, ist es aber eigentlich gar nicht. Die Wahl fiel auf Jauch, weil er einen ähnlichen Stil verkörpert, wie ihn Christiansen angefangen hat. Auch Günther Jauchs große Kunst besteht darin, unauffällig zu sein. Sein ganzes äußeres Erscheinungsbild ist darauf ausgelegt, seine Sprechweise. Und selbst sein – immerhin vorhandener - Wortwitz ist so nonchalant, dass der Zuschauer 20 Sekunden später vergessen hat, worüber er da eigentlich gelacht hat. Genauso wie man bei Sabine Christiansen schon fünf Minuten nach Ende der Sendung nicht mehr wusste, über welches Thema die Damen und Herren Spitzenpolitiker dieses Mal im Kern eigentlich hatten debattieren wollen: am Ende ging es ja sowieso um den Reformstau.

Das ist der Punkt: Kein kritischer Journalismus, sondern ein Forum für Politiker jeder Colour, das soll geboten werden. Enthüllungstendenzen: Fehlanzeige. Eines darf übrigens als sicher gelten: Moderiert Jauch, mithin Deutschlands beliebtester Moderator, seine neue Sendung ab 2007 ähnlich unkritisch und distanzlos wie seine Vorgängerin, dann wird seine exorbitante Beliebtheit bald dahin sein. Aber da er bei der ARD arbeitet, dürfte ihn das kaum stören. Die Jobs bei den Öffentlich-rechtlichen gelten allgemein als krisensicher.

Wer wird der neue Jauch? Und was macht Christiansen?

Soweit die Fakten, mehr ist noch nicht bekannt. Zunächst muss aber noch gesagt werden, dass es natürlich Alternativen gegeben hätte. Die ARD selbst hat mit Sandra Maischberger und Anne Will zwei Journalistinnen ersten Ranges in ihren Reihen, die mit Jauch und Christiansen mindestens mithalten könnten, wenn nicht sogar mehr. Und selbst einem Thomas Gottschalk ist in Sachen schnoddrigem Nachbohren und unbequeme-Frage-stellen mehr zuzutrauen als Christiansen und Jauch.

Abschließend gilt es für die Beteiligten und ihre Arbeitgeber, weitere Fakten zu schaffen und drängende Fragen unserer Zeit zu beantworten: Wer übernimmt Jauchs Sendungen bei RTL? (Oliver Geißen und Sonja Zietlow wären noch frei) Oder schlimmer: Droht der tägliche Jauch, wenn „Gesamt-Günther“ Jauch nicht gewillt ist, seine RTL-Sendungen einem anderen Moderator zu überlassen? Wie wird die wunde deutsche Psyche dies überstehen? Und natürlich: Was macht Sabine Christiansen? Reichen ihr ihre Sendung auf CNBC und das Ehrenamt einer UN-Botschafterin? Bekommt sie eine Kochsendung, wie schon der selige Alfred Biolek? Oder moderiert sie am Ende wie Gaby Bauer das Nachtmagazin auf der ARD? Nachrichtenvorlesen kann sie ja. Das hat sie mal bewiesen. Irgendwann. Erzählt man sich jedenfalls.

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Icon fürs Schreibdatum Freitag, 23. 6. 2006
 

bisherige Kommentare:

Martin Dellert schrieb am Samstag, dem 24. 6. 2006:

Ich finde diesen Text nicht gut. Warum wird alles so negativ dargstellt. Mir zu subjektiv.

Bernd Frisch schrieb am Samstag, dem 24. 6. 2006:

Christiansen hat schon seit drei Jahre Hausverbot bei uns zuhaus !

Gert Flegelskamp schrieb am Samstag, dem 24. 6. 2006:

Ich denke, Sie gehen die Sendungen mit einer falschen Betrachtungsweise an. Die Sonntagssendung “Christiansen” ist in Wirklichkeit eine Werbesendung der INSM-Airlines, nur als Politsendung getarnt, weil den Ă–ffentlich Rechtlichen ja Werbung auĂźerhalb bestimmter Sendezeiten verboten ist. Christiansen ist Stewardess geblieben, zuständig fĂĽr die First- und Bussi-Ness-Class. INSM-Airlines ist ja bekannt dafĂĽr, dass in den luftigen Höhen der Wirtschaft nur die First- und Bussi-Ness-Class beheizt werden (Bussi-Ness ist kein Schreibfehler sondern in Anlehnung an das bajuwarische Bussi – egal wohin - und Ness von Loch-Ness, dem legendären Monster aus dem Lande des “Geiz ist geil”, das Phantom der mangelnden globalen Wettbewerbsfähigkeit symbolisiert, welches immer wieder aus den unergrĂĽndlichen Tiefen der Wirtschaft auftaucht und sich den entsetzten Menschen mit seinem aufgerissenen Wohlstandsverschlingendem Rachen zeigt). In der Economy-Class der INSM-Airlines wird nicht geheizt, die Luft ist fast so dĂĽnn wie drauĂźen und Druckausgleich findet nicht statt. Die Aufnahmen finden also nicht in einem Studio statt, sondern in der Bussi-Ness-Class der INSM-Airlines und ein gelegentlicher Schwenk der Kamera in die Economy-Class zeit die dortigen Passagiere, wenn diese versuchen durch das aneinander schlagen der Hände den Blutkreislauf wieder in Schwung zu bringen.
In der First-Class hat eine Stewardess den Gästen jeden Wunsch von den Augen abzulesen und als Thema den in der Bussi-Ness-Class sitzenden Dienern der First-Class-Passagiere anzudienen.
Das Jauch als der erotischte Mann Deutschlands gilt, ist keineswegs unverständlich. Noch nie hat ein Mann derart viel Geld an Einzelpersonen verteilt, wie Günter Jauch. Hätte Müntefering auf dem Stuhl von Jauch in der RTL-Sendung gesessen, wäre sogar er zum erotischten Mann gewählt worden. Hinzu kommt seine Werbung für Krombacher. Mit dem Hinweis auf die Spendenaktion von Krombacher hat er jedem Familienvater ein Argument geliefert, warum es wichtig ist, immer genügend Krombacher zu konsumieren. Damit hat Jauch auch seinen Platz in den Herzen der Männer gesichert.

Rouladenschmied schrieb am Samstag, dem 24. 6. 2006:

Christiansen? War das nicht diejenige, die Sonntags Abend ab kurz vor 10 niemanden ausreden läßt? Vor allem dann nicht, wenn mal - was selten vor kam - eine sinnvolle Rede draus hätte werden können…

Anselm schrieb am Samstag, dem 24. 6. 2006:

:-) ich hab die gute Frau zwar noch nie gesehen, aber man scheint ja ohne Glotze nicht allzu viel zu verpassen…

Bernd schrieb am Dienstag, dem 27. 6. 2006:

Der Kontrast wird besonders stark, wenn man Ihre Sendung mit besser gemachten Talkshows wie “Hart aber fair” auf WDR vergleicht, auch wenn dieses Format auch Schwächen hat.

micha schrieb am Montag, dem 3. 7. 2006:

medienkritik ist langweilig. alles ist nur noch modisches mittel zur profilierung.
lasst euch was neues einfallen leute!

Sigurd schrieb am Mittwoch, dem 2. 8. 2006:

Alle Talk-Sendungen, einschlieĂźlich Christiansen, dienen wirklich nur der Profilierung der Politiker. Albrecht MĂĽller lesen (Machtwahn) und dann Bescheid wissen.
Es gibt auch noch andere BĂĽcher, z. B. “Die StĂĽmper.” Hierin wird beschrieben, wer uns eigentlich regiert. Lesen und sich von der Politik verabschieden. Schade, aber es ist leider so.

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