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Montag morgen

Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch

Montag morgen. Regen. Schlafende Stadt, nachtschlafende Zeit. Ich bin wach. Lichter. Ich. Einsamkeit. Zerknittertes Gesicht im Spiegel. Auch ich. Langsam wach werden. Morgenkaffee. Brötchen mit Marmelade. Ich bin wach. Das Leben auch. Morgenmuffel. Zeitmuffel. Blick aus dem Fenster: Erwachende Stadt. Die Zeit beginnt, schneller zu laufen. Sie beginnt zu rennen. Erneuter Blick in den Spiegel. Immer noch humorlos, aber wenigstens nicht mehr müde. Ich wasche mir die Haare erneut. Scheiß Haargel. Ich bin früh aufgestanden. Und habe dennoch Stress.
Unsere Zeit ist humorlos. Sie ist krank. Sie hat keine Zeit; Man hat keine Zeit. Sie ist vielleicht ein wenig überheblich, weil sie glaubt, etwas zu sein, was sie nicht ist. Individualistisch nämlich.

Und dennoch desillusioniert, denn wer glaubt schon, was man liest. Oder desillusionierend. In jedem Fall ist in ihr kein Platz für Träume, nicht einmal mehr dafür, diese zu vermissen. Die Menschen sind so damit beschäftigt, die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen, die „Gunst der Stunde“ zu nutzen und aufzuschnappen, was „up to date“ ist, dass sie abends – danach – nicht mehr in der Lage sind, zu erkennen, was IHRE Zeichen der Zeit sind. Es sei denn, sie kiffen. Oder nehmen andere Drogen.

Zugleich ist unsere Zeit auch irgendwie aristokratisch: Haltung bewahren. Gut aussehen. Sexy sein, auch wenn man es eigentlich gar nicht ist. Dem Ideal entsprechen, ein Teil des Ganzen werden. Das Zeitalter des Individualismus endet beim Einkaufsbummel im nächsten H&M oder beim hören von eins:live. Und spätestens, wenn eine aufgedrehte VIVA-Moderatorin im neuesten Esprit-Chic halbwegs überzeugend verkündet, dass der aktuelle, leicht bekleidete Popstar „ja totaaaaaal angesagt sei“, hört auch der vernünftigste Mensch auf, zu denken.

Selbst Menschen, die Sport verachten, schleppen ihre meist käsigen Körper ins Fitnessstudio, in der irrigen Hoffnung, potenzielle Sexualkörper mit dem hart antrainierten Körper zu beeindrucken. „Frauen wollen starke Männer“. Wenn sie sich nicht gerade von einem gelernten Urologen die Nase brechen lassen, weil diese ihnen zu krumm erscheint für eine Modelkarriere.
Denken ist out. Das ist ebenso sicher, wie der US-Feldzug gen Iran. Denken tun höchstens Freaks. Die Prügel, die sie kassieren, müssen ja irgendwie gerechtfertigt werden.


Icon fürs Schreibdatum Montag, 5. 6. 2006
 

bisherige Kommentare:

Alexiade schrieb am Donnerstag, dem 15. 6. 2006:

Autsch. Nich so optimistisch. Es ist doch schön, dass wenigstens noch irgendwer denkt, oder? Wir (die Freaks) werden irgendwann einmal eine Revolution in Gang bringen und dann sieht’s für den Rest der Welt übel aus. Hier ein Aufruf dazu: Freaks aller Länder vereinigt euch! Organisiert euch! Und dann… ähm… na ja. Dann übernehmen wir die Weltherrschaft.
Ich finde, das ist eine ganz nette Idee.

Influence schrieb am Montag, dem 19. 6. 2006:

Ne du. Wir (die Freaks) werden immer weniger. Viele meiner Mit-Freaks sind unter dem Druck zerbrochen und laufen jetzt in Markenklamotten rum und hören was ihnen die Spex oder Intro diese Woche als hip verkauft. :) Und gehen ins Fitnessstudio…

micha schrieb am Montag, dem 19. 6. 2006:

mensch, ich weiß genau was du meinst.

Alexiade, ich bin dabei! Die werden sich noch wundern, die Teleshopper, Discohopper, Gruppenzwängler und Brot-und-Spiele-Aktivisten! Wann geht’s los?

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