Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch”
Ich sitze auf meinem Bett und starre die Wand an. Rings um mich ist Chaos. Dort wo ich bin, ist Chaos. Und ich fühle mich wohl so.
Ich habe einmal daran geglaubt, das ich mein Leben selbst ändern kann – und ich habe es versucht. Meine Mutter hat nie geglaubt, dass ich es schaffen würde, mich hunderte Kilometer weit weg von ihr durchzuschlagen. Ich habe es getan und den Kampf, den wir nie offiziell kämpften, gewonnen. Ich selbst habe nie daran geglaubt, dass ich einmal lieben könnte – nach allem, was war.. Auch diesen Kampf habe ich gewonnen, denn ich habe geliebt – am Ende vielleicht mehr, als gut für mich war. Und so habe ich den Kampf am Ende doch verloren, weil ich vergessen hatte, das Liebe auch heisst, gehen zu lassen, wenn es vorbei ist. Ich habe einmal an eine große Karriere geglaubt, daran, dass ich die Welt verändern könnte, wenn ich nur wollte. Und ich habe wahrlich alles versucht, das zu erreichen. Dann ist mir aufgefallen, dass nicht ich die Welt verändere, sondern das Verändern-wollen mich veränderte. Ich begann, mich von Freunden zu entfernen und in anderen Welten zu schweben, die für andere Menschen weder einsichtig noch zugänglich waren. Die Landungen, die ich erlebte, waren in jeder Hinsicht unangenehm.
Ich fechte mittlerweile kaum noch Kämpfe aus, weil ich mir einbilde, die Taktik des Gegners zu kennen, noch bevor die Schlacht begonnen hat. Egal worum es geht, mein Leben kommt mir vor wie ein behäbiges Déja-Vu. Wie in der Liebe: Wen immer ich kennenlerne, ich bin von vornherein der Meinung zu wissen, ob er zu mir passt, ob er das Gleiche denken wird – oder nicht. Und weil Pessimisten immer Recht haben, habe ich immer Recht.
Überraschungen sind rar geworden, vielleicht auch, weil ich mich in einer Szene bewege, die kaum Überraschungen duldet. Man lebt in der Welt der Absprachen, Stereotypen und vorgefertigten Persönlichkeitsentwürfen. Das ist gut, weil es Sicherheit gibt. Und es ist zugleich fatal, weil man nicht mehr daran denkt, dass das Leben mehr ist, als das, was Menschen von sich preisgeben. Vielleicht sind wir, wie wir sind, weil wir vergessen haben, wie es ist, zwischen den Zeilen zu lesen, die Zwischentöne zu hören – und zu begreifen, das Menschen mehr sind, als das, was sie sagen.
Vielleicht wollen die Menschen aber auch gar nicht mehr wirklich wahrgenommen werden. Vielleicht genügt es den meisten Menschen ein perfektes Bild abzugeben, so dass sie sich um alles, was danach kommt, nicht mehr bemühen. Derjenige, der dieses Bild nicht abgibt, malt und stylt so lange an sich herum, bis er es doch tut. Letztlich ist fast egal, ob es sich um das Bild des alternativen Linken oder der Supertunte handelt. Image ist alles, Sein ist nichts. Im Grunde furchtbar langweilig und ziemlich trist.
Ich neige seit neuestem dazu, mich in den Menschen, die ich kennenlerne, selbst wiederzuerkennen. Das ist ebenso gefährlich, wie amüsant, denn ich gerate so schnell in die undankbare Rolle des Muppet-Show-Opas, der klugscheisserisch alle seine negativen Erfahrungen zu Protokoll gibt, vor dem er denjenigen, in dem er sich gerade wiedererkennt nur zu gerne bewahren würde. Und natürlich ist es schön zu sehen, dass all die Unsicherheit, die Unstetigkeit und die Tölpelhaftigkeit, die ich einstmals (und heute noch?) an den Tag leg(t)e, nicht sind, was nicht auch anderen Menschen passieren könnte. Das ich nicht alleine bin, mit dem, was ich mal gedacht habe. Und wenn ich dann doch der Versuchung erliege und einem Menschen einen Rat „von jemandem, ders erlebt hat“ gebe, dann tue ich das, weil ich tief drinnen in meinem kleinen Herzen nicht aufhören kann zu glauben, dass jeder Mensch sein Leben doch ein Stück weit in den Händen hält.
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bisherige Kommentare:
EVE schrieb am Dienstag, dem 30. 5. 2006:
Du hast nur noch zwei Möglichkeiten: Schmeiß dich hinter einen Zug oder beleg einen Töpferkurs an der Volkshochschule!^^
julian schrieb am Dienstag, dem 30. 5. 2006:
Töpfern kann ich schon^^
Toto schrieb am Dienstag, dem 30. 5. 2006:
Hallo Julian
Ich habe diesen Text sehr gerne gelesen. Er ist mit viel Gefühl geschrieben worden und ich kann mich selber in diesem Text wieder finden.
Also, schmeiß dich nicht vor den Zug, sonder schreibe weiter.
Lg Toto
EVE schrieb am Dienstag, dem 30. 5. 2006:
Tja denn…..der vormittags Spanisch Kurs für Hausfrauen? *gg*
EVE schrieb am Mittwoch, dem 31. 5. 2006:
@ Toto..HINTER den Zug…
stefan schrieb am Mittwoch, dem 31. 5. 2006:
Julian, warum bist du so pessimistisch?
Lars schrieb am Mittwoch, dem 31. 5. 2006:
Hallo Herr Statler!
Manchmal fühle ich mich wie auf einer Bühne des Lebens, mit einem Drehbuch, was mir vorgegeben wurde, in eine Rolle gedrängt, die zwickt und kneift und spiele in einem Stück, das nur schleppend vorankommt. Ich spreche den Text, den alle erwarten, aber fühle mich dabei leer und unaufrichtig.
Da tut mir manchmal irgendein Herr Statler gut, der mir (wieder mal) von seiner Loge aus bewusst macht, dass es ja eigentlich das eigene Leben ist, was man da “spielt” und das es eben manchmal eine Tragödie, ein Drama oder eine Komödie sein kann - und dass man nicht alleine auf der “Bühne” steht.
Und dann wird mir wieder etwas klarer, dass man für jede Rolle, in die man neu schlüpft, auch neu lernen muss und man immer wieder dumm anfängt - und dabei trotzdem doch noch irgendwie Erfahrungen macht.
Auch, wenn Statler & Waldorf manchmal etwas zynisch sind, sind sie doch Teil der Show. Mal ist man Muppet, mal Opa. Ich glaube, man mehr in den eigenen Händen, als man manchmal wahrnimmt…
Glückauf!
Gez.
Herr Waldorf
EVE schrieb am Mittwoch, dem 31. 5. 2006:
Schlechte Erfahrungen ?
Kenn ich…..
Steven schrieb am Sonntag, dem 4. 6. 2006:
Hallo Julian,
ich komme mir auch ab und zu ein wenig altklug vor wenn ich jüngeren Freunden von mir Ratschläge oder Meinungen geben. Aber im Endeffekt muss man Erfahrungen selber sammeln.
Ich kenne auch die Sache mit dem abstumpfen. Momentan bin ich sehr unzufrieden mit meinem Leben, da ich das Gefühl habe eine Comicversion meiner selbst zu sein. Skizziert bis zur Unkenntlichkeit, so dass ich mich selbst kaum wiedererkenne. Es wird mal wieder Zeit etwas zu ändern.
Dein Eintrag ist übrigens wunderbar geschrieben. Ich wünschte ich könnte so schreiben. Aber wie Alex mal zu mir sagte: Vergleich Dich nicht mit anderen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Stil.
Ich will ihm da mal glauben schenken.