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Volker Beck: Fahrlässiges Verhalten?

Geschrieben von SeiDu.Redaktion in der Rubrik „Weitblick, Meinung

Knapp zwei Tage ist es jetzt her: Volker Beck, der am Samstag, den 27. Mai zusammen mit Moskauer Schwulen und Lesben für das Recht auf Selbstbestimmung und juristische Gleichbehandlung demonstrierte, wurde von Rechtsextremen auf offener Straße verprügelt. Auch Einsatzkräfte der Polizei sahen weg, oder prügelten selbst mit. Erst nach dem Hinweis, es handele sich um ein Mitglied des Deutschen Bundestages, ließen die russischen Sicherheitskräfte von ihm ab.

Zwei Tage um nachzudenken – zwei Tage, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Seit heute Morgen gibt es die ersten Stellungnahmen, die wir für euch zusammengestellt haben. Das erste Fazit: Potsdam ist überall – schuld ist grundsätzlich immer das Opfer. Fast immer. Jedenfalls, wenn es nach der Meinung bestimmter Leute geht.

Schockenhoff (CDU): „Beck wollte Schlagzeile“

Auf den Spuren Martin Hohmanns wandelt derzeit der CDU-AuĂźenpolitiker Andreas Schockenhoff. Dieser hat laut Reuters dem in Moskau von Rechtsradikalen geschlagenen GrĂĽnen-Bundestagsabgeordneten Volker Beck eine Mitschuld an der Attacke zugewiesen. Er unterstellte ihm einen „Wunsch nach Selbstdarstellung“ und warf ihm vor, die „Spielregeln des Gastlandes“ unterlaufen zu haben. “Beck wollte eine Schlagzeile fĂĽr sich“, mutmaĂźte der Bundestagsabgeord­nete aus Baden-WĂĽrttemberg. Jemand, der an solch einer Demonstration teilnehme, dĂĽrfe sich “ĂĽber mangelnden Schutz nicht beklagen”. Beck und seine Parteifreunde protestierten umgehend gegen diese Aussage. Schockenhoff mĂĽsse, so sagte Beck gegenĂĽber dem ARD-Morgenmagazin, sich “genau zu ĂĽberlegen, mit wem er sich da gemein macht”.

FDP: Bundesregierung muss handeln

Der Parlamentarische GeschäftsfĂĽhrer der FDP-Bundestagsfraktion, Jörg van Essen, hat die Bundesregierung dagegen aufgefordert, gegen die Behandlung seines grĂĽnen Kollegen Volker Beck seitens der russischen Beamten zu protestieren. „Moskau hat in Sachen Toleranz versagt“, erwiderte er die Unterstellung von Schockenhoff. Der auĂźenpolitische Sprecher Werner Hoyer ergänzte: “Herr Schockenhoff liegt dramatisch falsch, wenn er Gewalttätigkeiten gegen friedliche Demonstranten und Minderheiten nach dem Prinzip “selber Schuld” relativiert”. AuĂźerdem forderte er den Fraktionsvorsitzenden Kauder (CDU) auf, sich von der “Entgleisung” seines Kollegen zu distanzieren.

Der Publizist Henryk M. Broder klagt in diesem Zusammenhang auch die Vorgängerregierung unter Schröder an: dieser hätte die Chance gehabt, „das Thema bei einem der vielen Besuche bei seinem Freund Putin anzusprechen“. Er habe „nur sagen müssen: ‚Wladi, was Ihr da mit den Schwulen macht, das find ich nicht gut, echt.’ Aber der Kanzler hat’s nicht getan, wahrscheinlich um das Projekt der Ostsee-Pipeline nicht zu gefährden.“

Katholischer Dschihad auf kreuz.net

Das Attentat verbindet auch mitunter Gruppen zu, im wahrsten Sinne, unheiligen Allianzen, die sich im sonstigen Leben nicht allzu viel zu sagen haben: das erzkatholische Portal kreuz.net, dass sich gerne gegen innerkirchliche Annäherungen mit Homosexuelle stellt, die Amtskirchen als zu liberal empfindet und Sex nur als notwendig-übles Mittel der Fortpflanzung duldet, verzeichnete einen Beitrag von Dr. Yavuz Özuguz vom Portal „Muslim-Markt“, der dort unter anderem zum Boykott von israelischen Produkten aufruft und muslimische Eltern dazu ermutigt, ihre Töchter vom Sport- und Schwimmunterricht auszuschließen.

Unter dem Titel „Dürfen Homosexuelle das Gesetz brechen?“ verbündet er sich mit orthodoxen Gegendemonstranten, hat jedoch immerhin endlich gemerkt, dass dies „ein weiteres Highlight eines westlichen, demokratisch-freiheitlichen Exports“ sei. „Vielleicht schreibt demnächst auch Osama Bin Laden hier“, merkte ein Kommentator als Feedback auf den Artikel an – wundern würde es uns nach diesem Fall von katholischem Dschihad zumindest nicht mehr.

Erste Reaktionen auch auf Gayromeo

Währenddessen haben sich in Volker Becks Profil auf Gayromeo bereits einige User (Stand 16:00 Uhr: 19) zu Wort gemeldet, die – bis auf zwei User – Volker Beck dankten und gute Besserung wünschten. Ein Leser („Elior“) fasst seine Eindrücke zusammen: „Die Entstehung einer demokratischen Zivilgesellschaft in Russland ist nach dem Abgang von Gorbatschow zum Erliegen gekommen“. „HolaMundo“: „Ich habe heute eine Protestnote zur Russischen Botschaft gesandt.“ Der User „Schwuppenmutti“ meint sogar: Wenn es ihn geben würde, den Gayromeo-Preis für Zivilcourage, Du hättest ihn verdient.“

Dem – und das sage ich für die gesamte Sei.Du-Redaktion – wollen wir uns hier und jetzt anschließen. Danke, Volker, für Deinen Einsatz.

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Icon fürs Schreibdatum Montag, 29. 5. 2006
 

Ein Kommentar:

Savoy schrieb am Mittwoch, dem 7. 6. 2006:

Um ganz ehrlich zu sein, war meine allererste Reaktion auch, dass Beck selber Schuld war. Dem Sinn nach: Was nimmt er auch an einer verbotenen Demo teil, die auf Rechtsradikale stößt.
Das soll natĂĽrlich nicht heiĂźen, dass der Angriff auf ihn nicht kriminell war, das ist er ohne Frage durch und durch.
Wenn man aber sieht, dass das Recht an bestimmten Orten nicht zu seiner Geltung kommt, gibt es zwei Alternativen: Entweder man nimmt das hin und meidet solche Orte, auch wenn dies ein ZurĂĽckweichen vor dem Verbrechen ist. Oder man geht hin und nimmt wissentlich in Kauf, dass man ohne jede Rechtfertigung von Kriminellen verprĂĽgelt wird.
Ich wäre nicht hingegangen. Sehr feige von mir, sicherlich. Aber meine Gesundheit ist mir dann doch lieber, als sich dem Unrecht in den Weg zustellen.
Nachdem ich all dies bedacht habe, kam ich dann zu dem Schluss, dass Beck sehr mutig gehandelt hat, und dass man “selbst schuld” hier nicht sagen kann. Vielmehr: Hut ab!

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