SeiDu.Blog

Lust und Frust

Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch

Schreiben bildet, hat man mir gesagt, kurz nachdem ich bei SeiDu angefangen habe. Und in der Tat. Ich habe viel gelernt in den knapp zwei Jahren, in denen ich mal seltener und mal häufiger an meinem Computer sitze und mehr oder weniger interessante Texte in das CMS einpflege. Ich bin mit Menschen in Kontakt gekommen, die ich nie kennen gelernt hätte, wenn Alex mir nicht die Chance gegeben hätte, an diesem kleinen Magazin mizuarbeiten. Ich habe Sichtweisen und Denkweisen erlebt – oder besser: gelesen – die mir fremd oder verborgen geblieben wären, hätte ich nicht angefangen, zu schreiben.

Schreiben ist für manche Menschen eine Therapie. Für mich war es das nie. Für mich ist schreiben die Wiedergabe von Erlebnissen und Gefühlen auf anderem Wege. Deswegen sind Texte nur dann gut, wenn sie dem Leser zeigen, wie sich der Autor gefühlt hat, was ihn aufgewühlt, genervt oder abgestoßen hat. Deswegen ist Schreiben eine meiner Leidenschaften geworden.

Nun kann man natürlich über das Schreiben schreiben. Nur, warum sollte man das tun? Jeder Mensch verarbeitet seine Gedanken anders, der eine tut es, in dem er bei SeiDu Tagebuch schreibt, der Andere, weil er es für sich privat tut, ein Lied hört oder abends in sein Kissen weint. Aber denkt man darüber nach? Denkt man über das Denken nach? Ich höre Lieder über Liebe, Frust und Trauer. Aber singt jemand über das Singen? Ich rede mit Menschen über meine Gedanken, Gefühle, Träume und Ängste. Über das Reden habe ich noch nie geredet. Oder mich über das Unterhalten unterhalten.

Letztlich sind das alles, also schreiben, singen, denken und reden, doch nichts anderes als Ausdrucksformen ein und der selben Sache: von dem, was ein Mensch in sich drinnen trägt, seinen Gedanken, Wünschen und Hoffnungen. Seine Sicht der Welt. Und seine Sicht der Dinge. Und der Mensch, der sich nicht mehr ändert, dessen Weltsicht immer gleich bleibt, der die Sonne jeden Tag genau gleich aufgehen sieht und gar nichts mehr fühlt, der Mensch ist tot. Das Leben bedeutet Veränderung. Und selbst darüber kann man schreiben,

Schreiben kann man auch darüber, dass man leer ist und glaubt, zu intensiv gelebt zu haben. Schreiben kann man auch darüber, dass einem nichts mehr einfällt, worüber man schreiben kann. Dafür aber das Schreiben verantwortlich zu machen ist viel eher ein Akt der Selbstzerstörung als ein Akt der Selbstreflexion.


Icon fürs Schreibdatum Sonntag, 30. 4. 2006
 

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