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Am unteren Rand der Gesellschaft

Geschrieben von Alex in der Rubrik „Tagebuch von Alex

Eigentlich wollten ein Freund und ich uns unterhalten. Und etwas trinken. Was soll man sonst um 4 Uhr früh in Köln auch machen, wenn kein Karneval ist? Wir gingen in den Unipark mit der Hoffnung auf einen Sitzplatz und auf Ruhe. Doch eine Großstadt flößt einem Angst ein. Lichter an falschen Stellen, Geräusch, die man nicht kennt - alles steigert den Adrenalinwert im Blut. Und dann kam diese Fackel auf uns zu.

Ein Typ kam auf uns zu, den wir noch mit einem Guten Morgen begrüßten und der nicht mehr vorbei gehen wollte, sondern stehen blieb. Er hatte eine große Umhängetasche und einen Rucksack und eben diese Fackel in der rechten Hand. Er nuschelte, weil er wohl viel getrunken hatte. Zuerst sah ich ihm nicht an, dass er obdachlos war, aber aus unserem Gespräch oder seinem Monolog heraus wurde klar, dass er ein “Penner” war. Seine Zähne waren ziemlich schlecht und sein Bart unordentlich, aber er war noch recht jung für einen “Penner” und er war keineswegs ein Hauptschüler, der auf der Straße gelandet ist. Er wusste sehr wohl etwas. Auch das hörte man schnell raus. Aber er vergaß auch und es war ihm peinlich. Er sprach davon wie er an diesem schönen Sommertag nur 3 Euro bei seiner “Sitzung” verdient hatte, obwohl der Tag mit seiner Glückzahl begann. Die 13. Für andere ein Unglück und für ihn das Glück. Es ist sein Geburtstag. Und so war die Zahl für ihn auch ein Unglück und gleichzeitig für die anderen, die über ihn tagtäglich spotten, wenn sie an ihm vorbei gehen.

Er zeigte uns sein Beutelchen mit den Münzen, schüttelte es und es klang nach wenig. Als wir ihm ein paar Münzen in die Handkuhle warfen und er sein Beutelchen füllte, klang es immer noch nach wenig. Für ihn klang es wie weitere drei Euro. Das macht dann ein Frühstück. Für uns waren es fast drei Kölsch, die wir eigentlich nicht mehr trinken wollten oder konnten. Wir wollten mit ihm nicht mehr sprechen. Wir wünschten ihm noch einen schönen Sonnenaufgang und gingen, obwohl wir bleiben wollten; nur nicht bei ihm.

Wir gingen keine 100 Meter weiter und setzten uns auf einen viel kleinen Zaun und mussten keine zwei Minuten warten bis uns zwei junge Frauen ansprachen. Sie waren gut angetrunken und komplett in Jeans gekleidet. Die eine hatte eine Zigarettenschachtel aus der Hosentasche hängen und machte auf cool, indem sie ständig davon sprach, dass wir ihre Freundin nicht zuhören sollten. Beide sind Krankenschwestern, die wissen wollten, wie alt wir sind. Sie erzählten in wenigen Minuten von ihrem Alltag, den sie kaum aushalten, geschweige denn ihre Patienten. Sie lachten viel über ihre Toten, Halbtoten und Fast-Lebendigen, denen sie Namen gaben, die wir nicht kannten.

“Wie sollen wir sonst damit klar kommen?”, fragten sie in die Nacht hinein. Wir gaben keine Antwort, denn wir wussten keine. Sie erzählten uns von schlimmen Unfällen, Nutten und 78-jährigen, die sehr lange Schwänze hatten. Die eine wünschte sich sogar einen Freund, der mit 78 immer noch so gut ausgestattet wie der Herr sowieso. Sie waren betrunken und ließen keinen Zweifel daran, dass sie es wegen ihres Jobs waren. Er ist hart und sie machen ihn gern, aber lange werden sie es nicht machen können. Und selbst als sie weit weg waren, schrien sie uns zu, wir sollen keine Drogen nehmen und keine Stepper benutzen. Denn sonst würden wir bei denen landen.

Und letztlich wünschen sie niemandem, so tief zu sinken.

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Icon fürs Schreibdatum Sonntag, 7. 5. 2006
 

Ein Kommentar:

Marco schrieb am Dienstag, dem 9. 5. 2006:

naja, ein bisschen pseudo-real. Hatte mir bei der Überschrift mehr erhofft.

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