Geschrieben von Henning in der Rubrik „Wunder Bar”
Neben American 11, American 77, United 175 war United 93 das vierte Flugzeug, das islamische Terroristen am 11. September 2001 in ihre Gewalt brachten. WĂ€hrend American 11 und United 175 in das New Yorker World Trade Center geflogen wurden, schlug American 77 in den WestflĂŒgel des Pentagons ein. United 93 sollte ebenfalls in Washington als fliegende Bombe eingesetzt werden. Doch die Maschine stĂŒrzte auf ein Feld nahe Shanksville, Pennsylvania.
Was genau an Bord geschah, wird sich nie aufklĂ€ren lassen. Der irische Regisseur Paul Greengrass hat sich fĂŒr seine eigene Version entschieden: Den amerikanischen Heldenmythos. Das Aufbegehren der Passagiere gegen die Terroristen. Die Revolution im Angesicht des Todes. Das ist gewagt, weil es nur vereinzelte FunksprĂŒche und Telefonanrufe der Passagiere an die Angehörigen gibt. Greengrass rekonstruiert den Ablauf bis zu einem gewissen Grad nach Fakten, der Rest basiert auf Fiktion.
Es sind die ganz normalen Dinge, die beim Zuschauen ein beklemmendes, verzweifeltes GefĂŒhl auslösen. Die Passagiere sitzen am Gate und warten auf ihren Abflug nach San Francisco. Sie rufen ihre Verwandten an, um Ihnen zu sagen, wann genau sie landen werden. GeschĂ€ftsmĂ€nner klĂ€ren letzte Vertragsdetails, bevor sie in die Maschine steigen. Als die Piloten sich auf den Weg zum Flugzeug machen, erzĂ€hlen sie sich gegenseitig davon, was sie in den kommenden Tagen noch alles vorhaben.
Beim Zuschauen hofft man instĂ€ndig, dass doch noch irgendetwas passiert. Dass die Maschine doch nicht abhebt. Irgendwas muss doch den Start verhindern. Sogar das Auftanken der Maschine hat etwas Unheimliches. Und man findet sich in der surrealen Situation wieder, dass man das, was kommt, schon kennt. âEs ist ein herrlicher Tag zum Fliegenâ, sagt KapitĂ€n Jason M. Dahl. In weniger als vier Stunden wollen sie an der WestkĂŒste landen. In weniger als zwei Stunden wird die Maschine abstĂŒrzen, niemand wird ĂŒberleben.
1B, 3D, 6B und 9C â auf diesen PlĂ€tzen saĂen die Terroristen Saeed al-Ghamdi, Ahmed al-Haznawi, Ahmed al-Nami und der zum Fliegen ausgebildete Ziad Jarrah, der das Flugzeug in Washington zum Absturz bringen sollte. Alle vier sind in der Business-Class gebucht, so können sie in der Maschine ganz vorne sitzen und schnell in das Cockpit einbrechen. Mit einer Bombenattrappe und Teppichmessern gelingt es den Al-Qaeda-AnhĂ€ngern die Maschine zu ĂŒbernehmen. Nachdem sie beide Piloten abgestochen haben, reiĂt Ziad Jarrah das Steuer an sich und Ă€ndert den Kurs der Maschine. Er benutzt die Funksprechanlage der Boeing, um zu den Passagieren zu sprechen: âHier ist der KapitĂ€n. Bitte bleiben sie alle sitzen. Wir haben eine Bombe an Bord und fliegen zurĂŒck zum Flughafen. Bewahren sie Ruhe.â Die Flugsicherheitskontrolle in Cleveland und einige andere Passagiermaschinen fangen die Durchsage ab. Damit ist klar: Auch United 93 ist entfĂŒhrt. Nur vom vermeintlichen Ziel hat niemand eine Ahnung. So mĂŒssen die Mitarbeiter von MilitĂ€r und Flugaufsicht tatenlos zusehen, was passiert.
Darf man die Maschine abschieĂen?
Die Hilflosigkeit der Behörden â auch hier wird âFlug 93â ganz deutlich. Paul Greengrass zeigt die erschreckend lange Befehlskette, die im Falle einer FlugzeugentfĂŒhrung erst einmal in Gang gesetzt wird. Der Fluglotse spricht mit seinem Vorgesetzen. Dieser mit dem Supervisor. Der wiederum muss mit der nationalen Luftaufsichtsbehörde, FAA, in Kontakt treten. Beim Nordamerikanischen Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando, NORAD, macht man sich Gedanken, ob man die Maschine abschieĂen könnte. Auf den groĂen Bildschirmen zeigt CNN gerade die brennenden TĂŒrme des World Trade Centers, wĂ€hrend sich Colonel Robert Marr versucht, den US-PrĂ€sidenten zu erreichen. Er kann als Oberbefehlshaber der StreitkrĂ€fte als einziger einen Abschuss befehlen. Doch George W. Bush befindet sich selbst gerade in der Luft und ist nicht erreichbar. World Trade 1 und 2 brennen weiter. Um 09:59 Uhr erfĂ€hrt das MilitĂ€r von der EntfĂŒhrung der United-Maschine. Flug 93 schlĂ€gt vier Minuten spĂ€ter, um 10:03 Uhr, auf einem Feld bei Shanksville, Pennsylvania, auf. 275 Kilometer vor der Hauptstadt Washington.
Der Untersuchungsbericht einer Sonderkommission zum 11. September geht davon aus, dass United 93 wahrscheinlich das WeiĂe Haus oder das Kapitol, der Sitz des Abgeordnetenhauses und des Parlaments, zum Ziel hatte. Greengrass glaubt, dass die Terroristen das Kapitol ansteuerten, was er dadurch deutlich macht, dass sich Ziad Jarrah ein Foto des klassizistischen GebĂ€udes an das Steuer heftet.

LĂ€sst man aber einmal beiseite, dass Greengrass nicht eindeutig weiĂ, was an Bord geschah â so wie es niemanden gibt, der das weiĂ â so hat er dennoch etwas geschaffen, von dem wir uns alle wĂŒnschen, dass es so passiert ist. Die Passagiere kĂ€mpfen um ihr Leben. Sie versuchen verzweifelt aber mutig die Kontrolle ĂŒber die Maschine zu gewinnen. Sie wehren sich. Greengrass schlachtet die Bilder nicht aus. Was hĂ€tte er fĂŒr Actionszenen filmen, melancholische Abschiedstelefonate aus nĂ€chster NĂ€he betrachten können. Doch ihm gelingt es, das Geschehen an Bord in einer spektakulĂ€r unspektakulĂ€ren Weise zu rekonstruieren. Die Schauspieler sind allesamt unbekannt und auch die Dialoge an Bord sind improvisiert. So entsteht das GefĂŒhl von AuthentizitĂ€t. Durch zahlreiche GesprĂ€che mit Angehörigen hatte der Ire eine groĂe Verantwortung, auch weil es der erste Film ĂŒber die Geschehnisse von 9/11 ist. In den nĂ€chsten Monaten kommen zahlreiche Filme auf die Leinwand, die sich alle mit dem Thema auseinander setzen. Eine Kommerzialisierung ist zu befĂŒrchten. Aber zumindest Greengrass ist seiner Verantwortung gerecht geworden. Er holte Fluglotsen und MilitĂ€rangestellte mit ans Set und lies sie in Rollen schlĂŒpfen, in denen sie am 11. September wirklich gearbeitet hatten. Ben Sliney zum Beispiel war am UnglĂŒckstag Manager der FAA-Zentrale in Herndon und mimt im Film sich selbst.
âFlug 93â ist ein filmisches Denkmal fĂŒr die Opfer der TerroranschlĂ€ge. In einem fast dokumentarischen Stil zeichnet er die Geschehnisse nach. Der Film versucht zu keinem Zeitpunkt das zu sein, was er nicht sein darf, nĂ€mlich Unterhaltung.
OT: United 93, USA 2006, Regie: Paul Greengrass, Darsteller: Lewis Alsamari, JJ Johnson, Gary Commock, Trish Gates, Polly Adams, Cheyenne Jackson, Opal Alladin, LĂ€nge: 111 Min, FSK: ab 16 Jahren, Kinostart: 01.06.2006
Weitere Infos zu “Flug 93″ findest Du auf der offiziellen Webseite zum Film.
Alle Bilder im Artikel: (C) 2006 Universal Pictures International
Verwandte Artikel: