Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch”
aus dem Archiv:
Viele Dinge sind unfair, manche mehr, manche weniger. So ist es zum Beispiel ziemlich unfair, wenn in Deutschland tausende Firmen ihre Mitarbeiter entlassen, die Entlassenen aber deshalb weniger Arbeitslosengeld bekommen. Es ist auch unfair, Kinder von Schwulen ihre Väter vorzuenthalten, nur weil sie schwul sind. Unfair ist auch, dass Fußballer beim Trikottauschen immer nur von hinten gefilmt werden. (Was interessieren mich Rücken, ich will Bauchmuskeln sehen)
Der allergrößten Unfairness ist man aber als homosexueller Mann ausgesetzt. Nicht nur, dass ihnen wesentliche Bürgerrechte vorenthalten werden und sie mancherorts als Schimpfwort gelten. Die größte Unfairness liegt in einer gewissen Sorglosigkeit von männlichen Heterosexuellen im Umgang mit einander. Dazu muss ich anfügen, dass ich mancherorts nicht geoutet bin, was weniger daran liegt, dass ich mich nicht outen wollen würde, sondern, dass sich keine Gelegenheit ergeben hat. So wie zum Beispiel bei meiner Nebentätigkeit. Dort kommt mir die ehrenvolle Aufgabe zu, Neulinge einzuarbeiten.
Einer dieser Neulinge, Oliver, gehörte zu eben jener Spezies, die so heterosexuell sind, dass man es ihnen kaum abnimmt. So legte er mir den Arm um die Schultern. Circa 30 Sekunden, nachdem wir uns kennen gelernt hatten. Oder er zieht sich vor mir aus. Glaubst du nicht? Stimmt aber.
Und das kam so. Bei meinem Nebenjob fiel an jenem Montag zufällig die Klimaanlage aus. Soweit so schlecht. In jedem Fall wurde es uns allen sehr warm, was Oliver nicht störte, denn er verkündete: „Hab noch andere Klamotten mit“, als wir allein im Pausenraum saßen.
Sprach´s und stand in Boxershorts vor mir. Er war ehemaliger Leichtathlet und als solcher mit einer Figur ausgestattet, die nicht nur meinen Puls in erschreckende Höhen steigen liess. Oliver verschwendete daran natürlich keinen Gedanken, sondern quälte mich mit überzeugend-süßer Unschuldsmiene noch ein wenig weiter.
„Wie groß bist du eigentlich? Bestimmt kleiner als ich, oder?“
Er zog mich von meinem bequemen Stuhl auf die Füße und fixierte mich. „Komm mal her, stell dich mal vor mich!“ Mit diesen Worten und einem charmanten Lächeln bezwang er auch den letzten Rest meines Widerstands und ich stellte mich willenlos und wahrscheinlich entsetzlich dämlich guckend vor ihn. „Wir sind genau gleich groß!“ rief er in einem Ton, der etwa so klang, als sei Deutschland soeben Weltmeister geworden und presste seine Nasenspitze an meine, während seine linke Hand meine Gelfrisur ruinierte.
Die Sekunden gingen ins Land und eine peinliche Stille entstand, ohne dass einer von uns Beiden Anstalten gemacht hätte, irgendetwas an unserer Lage zu verändern. Er hatte schöne blaue Augen, stellte ich fest, während ich krampfhaft versuchte, nicht an seine Bauchmuskeln zu denken und noch krampfhafter meine Hände ineinander kniff, um den drängenden Impuls, Oliver an mich zu ziehen, zu überwinden. Dieser schien sich königlich zu amüsieren, weil ich genau die selbe Körpergröße hatte wie er. Sein Handy klingelte. Er bückte sich, um es aus seiner Hose zu ziehen. Dabei rutscht ihm diese halb hoch und lässt Einblicke in Regionen zu, die ich besser nie gesehen hätte. Eine SMS seiner Freundin. Sie käme ihn nachher abholen, dann würde ich sie kennen lernen. Sagte er, lächelte und legte mir den Arm um die Schultern. Ich musste da weg. Den Raum verlassen. Bevor ich etwas tuen würde, dass ich hinterher bereut hätte.
„Ähm, ich…äh….sollte….ähem…äh…mal runtergehen…zu…äh.,…den Anderen!“ Das war zwar keine geistreiche Ausrede, aber die einfachste.
Fast fluchtartig verließ ich den Pausenraum, lehnte mich an den nächstbesten Pfeiler und beglückwünschte mich zu meiner Standhaftigkeit. Im nächsten Moment allerdings hätte ich mich am liebsten in den Allerwertesten gebissen. Was, wenn er es wirklich darauf angelegt hat, dass ich den ersten Schritt tue. Möglich wäre es gewesen. Ich werde es nie erfahren.
Das wirklich absolut Unfairste ist nämlich die Feigheit.
bisherige Kommentare:
Micha schrieb am Donnerstag, dem 4. 5. 2006:
*hehe* die schönsten Geschichten schreibt doch noch immer das Leben. ;o)
Peter schrieb am Montag, dem 5. 6. 2006:
Weshalb soll es unfair sein, wenn Unternehmungen Mitarbeiter entlassen müssen? Dafür stellen andere Betriebe wieder Leute ein, neue Unternehmen entstehen. Das ist der Kreislauf der Natur und Wirtschaft. Was wäre denn, wenn Unternehmen mehr Mitarbeiter als notwendig beschäftigen würden? Die Ertragslage würde leiden, es käme vielleicht gar zum Zusammenbruch der ganzen Unternehmung. Auf jeden Fall die schlechtere Alternative.