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Ich bin ich

Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch

Silvester ist man immer alleine. Egal, wo und wie man diesen Tag begeht, man ist tief drinnen immer ganz alleine mit sich und seinem ganz persönlichen Rückblick auf das vergangene Jahr. Erinnerungen sind Dinge, die niemand wirklich zu teilen vermag. Daher machen die Menschen Bilder oder grinsen dümmlich lächelnd in Videocameras. Wenn man sie sich danach gemeinsam anschaut, dann ist es für einen kurzen Moment, als sei man wieder da, wo die Aufnahme spielte, wieder der Mensch, der man damals war. Und dann, wenn das Bild verlischt, dann ist man doch wieder alleine.

Und auch an solchen Tagen wie Silvester trifft das zu. Jeder Mensch zieht an diesem Tag Bilanz, ob er das nun will oder nicht. Manche tuen das sicher öfter, bewusster und intensiver als Andere, aber an Silvester macht sich jeder Mensch zumindest kurz Gedanken darüber, wie er das vergangene Jahr bewerten soll. Aus jedem Rückblick entstehen immer Fragen. Und wenn man sich nur selbst die Frage stellen muss, wie es weitergehen soll. Welche Ziele hat man? Was erhofft man sich? Und warum? Eigentlich ist Silvester ein guter Zeitpunkt dafür, mit einem lauten Knall all das hinter sich zu lassen, was man schon immer an sich selbst hasste. Wahrscheinlich hören deswegen so viele Menschen an diesem Tag auf, zu rauchen.

Neues Jahr, neues Glück. Was für ein idiotischer Satz. Aber es ist vielleicht der Sinn des Silvesterfestes, einmal im Jahr den Eindruck zu haben, man könne in seinem Leben selbst etwas verändern.

So stand ich also in diesem Jahr alleine unter dutzenden von Leuten auf einer Berliner Dachterasse, klammerte mich an mein Bier und starrte in die Nacht hinaus. Was hatte mir 2005 gebracht?

Nichts.

Nein, das wäre zu hart. Aber ich habe selten ein extremeres Jahr erlebt, emotional gesehen. Eine einzige Berg und Talfahrt. Und am Ende stand in diesem Jahr nicht der Aufstieg zum Gipfel, sondern ein Seilbahnunglück. Da bleibt am Ende des Jahres wahrscheinlich auch nichts mehr, als das Gefühl des Versagens zurück, dass sich zehnmal verstärkt, wenn man sich unter glücklichen Menschen befindet.

Ein einziger Mensch, dem es wohl genauso ging, hat mich in den Arm genommen und gesagt: „Endlich ist dieses Scheißjahr vorbei!“ Ich hatte das vorher nie so gesehen und gesagt, aber in dem Moment wusste ich, dass er Recht hatte. Ja, 2005 werde ich als Scheißjahr in Erinnerung behalten. Die Frage ist nur, warum? Fehlersuche war ja schon immer meine Spezialität. Und der einzige Fehler in diesem Spiel, den ich mir selbst zuschreiben muss, ist ganz einfach: Ich bin ich.

Das soll nicht weinerlich oder selbstmitleidig klingen. Ich kenne meine Schwächen und habe sie weitgehend akzeptiert, aber ich musste dennoch feststellen, dass ich manche Dinge anders wahrnehme, als andere Menschen, weil ich so bin, wie ich bin. Das allein ist meine Schuld.

Ich wäre gerne großmütiger, gelassener oder weniger emotional. Dann würde ich nicht ständig in Löcher fallen und müsste nicht mühsam Leitern bauen, die mir helfen, wieder halbwegs Tageslicht zu finden. Im Grunde bin ich hoffnungslos naiv, weil ich ständig auf Verlockungen reinfalle, von denen ich weiß, dass sie mich in das nächste Loch führen werden. Ich müsste mir selbst vor den Menschen, die ich liebe, einen Schutzschild zulegen, um diese Gefahr zu verbannen. Und genau dazu war und bin ich bisher nicht in der Lage. Wie immer: Ich laufe meiner Zeit hinterher und registriere zu selten, dass das, was gefordert ist, längst vollbracht wurde. Meistens übrigens von mir selbst.

Ich kenne mich allerdings gut genug, um zu wissen, dass dies alles Eigenschaften sind, die ich nicht ändern kann. Oder will, denn ich würde sie vermissen, wenn ich sie nicht hätte. Einzig die Form des Leidens kann man ändern. Obwohl sich Versagen immer gleich anfühlt, egal, in welchem Zusammenhang.


Icon fürs Schreibdatum Dienstag, 3. 1. 2006
 

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