Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch”
„Fröhliche Weihnachten“ ist wohl der meist gesagte Satz der letzten Wochen. Ich hab ihn ungefähr tausend Leuten gewünscht, meistens denen, die ich nicht kannte. Meinen Freunden, meiner Familie und sonstigen Menschen, von denen man es erwarten würde, habe ich nichts dergleichen gesagt. Mir war nicht danach. Mein Weihnachten war nicht „merry“ und es war sicher auch nicht „fröhlich“. X-mas war eher geneigt dazu, mir gewaltig auf den Geist zu gehen. Aber der Reihe nach.
Alles begann damit, dass ich mir zwei Wochen vorher spontan mein Leben entglitt: es lief nichts mehr so, wie es sollte. Ich war weder in der Lage, mein Leben finanziell in geordnete Bahnen zu lenken, meinen Unikram in Reihe zu bringen oder solch profane Dinge zu tun, wie entspannt mit meinen Freunden ein Bier trinken gehen. Frag nicht nach einem Grund, ich konnte es nicht. Sosehr ich mich auch bemühte, es gelang mir einfach nicht. Eine unwirkliche Verkrampftheit hatte mich befallen. Grund: unbekannt. Ich begann von Tag zu Tag, mich mehr zu nerven, immer höhere Hürden an mich selbst zu legen und – für den sicheren Fall des Scheiterns – immer größere Schreckensszenarien zu entwerfen.
Und genau in diese Zeit fällt also das Fest der Liebe. Nun stelle man sich mal einen genervten, gehetzten und völlig verkrampften Studenten vor, der sich durch Horden tumber Weihnachtsmarktbesucher, Weihnachtseinkäufer und Weihnachtsbummler drängeln muss, um seinen Zeitplan einigermaßen einzuhalten, dies natürlich nicht schafft und dann – ganz kreativ und locker – mal eben passende Weihnachtsgeschenke für die Lieben kaufen soll. Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass, wenn man selbst unglücklich und unzufrieden ist, die weihnachtlich-glückliche Grundstimmung des gesamten Rests der Erde ziemlich zum eigenen Unglücklichsein beiträgt.
Da Weihnachten aber auf die gefühlsmäßigen Gegebenheiten Einzelner keine Rücksicht nimmt, kam er trotzdem. Und mit ihm all die Rituale, die sich jedes Jahr mehr von ihrem eigentlichen Sinn entleeren. Erst das Kuchenfressen, dann das Schnapstrinken, das Weihnachtsliedersingen und schließlich das Geschenke aufreißen. Das über-die-Geschenke-freuen, nicht zu vergessen.
Ich bin wirklich gerne bei meiner Familie. Ich schätze sie, ihre Art und natürlich ihre Fürsorge, wie sie wahrscheinlich jeder 22jährige schätzt, der alleine lebt und für ein paar Tage einfach nur Sohn sein kann. Daran lag meine plötzliche Weihnachtsabneigung auch nicht.
Trotzdem ist mir das alles fast noch mehr auf die Nerven gegangen als ich mir in den Tagen zuvor selbst auf die Nerven gegangen war. Als mein Vater dann in einem Anfall von Weihnachtsdepression die weihnachtliche Familienversammlung vorzeitig verließ, um im Wald spazieren zu gehen, war die Weihnachtsstimmung bei allen Beteiligten vorbei. Nur meinen Großeltern zu liebe habe ich weitergeheuchelt.
Als mein Vater dann – spätabends – wieder heimkam, haben wir zum ersten Mal überhaupt länger miteinander geredet. Katastrophen haben eben auch ihr Gutes. Ich verstehe ihn jetzt besser. Obwohl ich vielleicht besser sagen sollte: Zum ersten Mal fangen wir Beide an, einander verstehen zu wollen.
Danach war Weihnachten eigentlich auch schon wieder vorbei. Ich war zu Hause, meine Eltern mussten arbeiten und ich verbrachte die nächsten Tage damit, mich darüber zu freuen, nicht mehr in meiner Heimatstadt (Braunschweig in Niedersachsen) leben zu müssen, sondern ins vergleichsweise vibrierende und gesund wirkende Bonn gezogen zu sein. Ich habe viele Leute wiedergesehen und war eloquent, charmant und witzig. Aber ich war nicht glücklich, die ganze Zeit über nicht. Frag nicht nach dem Grund, aber mir ging das alles auf die Nerven. Ich hätte mich am liebsten in ein tiefes Loch eingebuddelt, ohne Weihnachten, Braunschweig und vor allem, ohne den Druck, den ich eigentlich selbst produziert hatte. Wo war er hin, mein Optimismus? Meine Zähigkeit? Meine Fähigkeit, doch immer noch etwas positives an einer verfahrenen Situation zu finden?
Ich war nicht der Julian, den man heute kennt. Ich fühlte mich wie 14, permanent auf der Suche nach mir selbst – nur mit dem Unterschied, dass ich ja wusste, wer ich bin. Und mich nur fragte, wo ich mich versteckt hatte. Immerhin bin ich wieder in Bonn. Das heißt, ich werde mich wohl wiederfinden. Den Anfang habe ich gemacht: meine vormals chaotische Wohnung blitzt und blinkt jetzt. Weihnachten könnte kommen.