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In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch

Es wird ein spannender Sommer, eigentlich müsste ich das gar nicht sagen. Zumindest nicht „auch noch“ zu Protokoll geben. Schließlich kann man Prognosen über das, was passieren wird, passieren sollte und möglicherweise eventuell theoretisch eintreten könnte mittlerweile in jedem Käseblatt nachlesen. Und würde morgen die taz, HAZ, WAZ, FAZ oder eine andere deutsche Tageszeitung titeln, dass Gerhard Schröder die Vertrauensfrage an das Outing von Joschka Fischer als Transsexuellen knüpfen werde, selbst diese Nachricht wäre der „tagesschau“ einen Bericht wert.

Das, was sich momentan in Berlin abspielt, ist genau nach dem Geschmack der Medien, obwohl sich die lautstark darüber beschweren, dass es passiert. Der SPIEGEL hat die Krise der rot-grünen Koalition förmlich herbei geschrieben. Ob Windkraft, Hartz IV, Antidiskriminierungsgesetz, kein noch so gutes (oder sagen wir: sinnvolles) Projekt konnte Bundeskanzler Schröder anpacken, ohne dass ihm die absolute Gegnerschaft der Medien gewiss gewesen wäre. Die linken Medien hatte der Kanzler ja ohnehin durch seine neoliberale Politik vergrault – deren Ablehnung dürfte Schröder weder wundern noch schmerzen. Verblüffender ist, dass selbst diejenigen Medien, die Schröders Reformpolitik geradezu herbei geschrieben haben, sich nun mit Kritik quasi überbieten. Mut dankt einem eben niemand.

Das Volk dankt noch weniger. Erst hatte man Schröder gewählt, weil man wollte, dass sich was verändert und nun, da er was verändert hat, wählt man ihn wieder ab. Weil die Reformen zu hart waren, wählt man Menschen, deren Programm die gleichen Reformen vorsieht – nur um ein vielfaches härter. Spricht nicht dafür, dass die Deutschen ihr Regierungssystem verstanden haben oder dass sie gewillt sind, ihren wie auch immer ausgeprägten politischen Sachverstand vernünftig einzusetzen.

Die Union könnte momentan auch mit einem leeren Eimer als Spitzenkandidaten antreten. Solange dieser nur nach möglichst wenig Gefahr aussieht würde er in jedem Fall gewählt werden. So wird dann wahrscheinlich Angela Merkel – von nicht gerade positiven Geistern gerne als „die deutsche Camilla“ bezeichnet – die erste Frau im Kanzleramt und zugleich Hoffnungsträgerin unseres Landes. Wirklich Neues hat sich nicht zu bieten, will im Prinzip nichts anders, alles besser und natürlich für jeden immer alles gut machen. Kündigt an, sie wolle Deutschland „dienen“. (An dieser Stelle zwängt sich mir das Bild von Angela Merkel im Kellnerinnen-Dress auf. Würde ihr jemand diesen Job geben?) Und wirkt dabei ein bisschen wie eine Kreuzung aus Johannes Rau, Prinz Charles und Jürgen Rüttgers.

Mit Letzterem hat sie vor allem eines gemeinsam: die inhaltliche Indifferenz. Selten hat ein Spitzenkandidat Wähler und Funktionäre so gelangweilt, wie Rüttgers im NRW-Wahlkampf: bloß kein falsches Wort, man könnte ihn ja hinterher darauf festlegen. Dass man sich innerhalb der CDU überhaupt nochmals auf ihn, den wohl unpopulärsten Politiker bundesweit, geeinigt hat, muss Rüttgers schon als Glück empfunden haben. Und es sagt viel über den Zustand des Landes aus, dass dieser Mann im Stande war, diese Wahl zu gewinnen.

„Die werden sich noch wundern“, hat Rüttgers über die gesagt, die ihm nach der Wahl seine Inhaltsleere vorwarfen.

Da habe ich keinen Zweifel daran.


Icon fürs Schreibdatum Freitag, 10. 6. 2005
 

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