SeiDu.Blog

Die Wand

Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch

Im Moment brauche ich vor allem eines: Musik. Alles an meinem Leben lässt sich damit leichter bewältigen oder ertragen. Wenn ich mich einsam fühle oder vor lauter Überlastung heulen könnte, dann braucht es ein paar Stücke aus meiner stetig wachsenden Sammlung an CDs oder MP3s und es geht mir besser. Nicht gut, aber besser.

Mit Verwirrung stelle ich fest, dass es wenige Lieder gibt, die nicht irgendetwas in mir auslösen. Melancholie, Trauer, Erinnerungen, Freude, Lebensfreude, ja sogar Lust am Leben bekomme ich dieser Tage vor allem dann, wenn ich nur der Musik und nicht meinen Mitmensche zuhören muss. Das fällt mir schwer. Nicht, weil mich das, was sie sagen, nicht interessieren würde. Das tut es, zumindest meistens, durchaus. Aber es bewegt mich nicht. Wohl deswegen, weil mich so viele andere Dinge bewegen. Ich würde mich gerne treiben lassen, einfach mal entspannen und gar nichts tun. Aber sobald ich das wage und für ein paar Sekunden mal komplett abschalte, so pralle ich entweder vor Schlafmangel mit dem Kopf auf die Tischplatte oder werde durch einen Telefonanruf daran erinnert, dass ich gebraucht werde. Irgendwie jedenfalls.

Die Momente, in denen ich mich nicht nur von Institutionen (also der Uni, meiner Partei, SeiDu) gebraucht fühle, sondern auch von meinen Mitmenschen, nehmen ab. Ich weiß nicht, woran es liegt, denn es ist ja nicht so, dass ich nichts von ihren Problemen und Sorgen mitbekommen würde. Aber sie bewegen mich nicht. Sie erzählen es mir und ich leide eher pflichtschuldig als ehrlich mit ihnen mit, aber das, was sie mir sagen, kommt nicht mehr wie früher mitten in mein Herz, sondern bleibt kurz vorher hängen. Im Vorhof sozusagen. Es ist wie eine unsichtbare Wand, die verhindert, dass sich mein Leben mit dem Anderer vermischt. Ich gebe die Tipps und Ratschläge, die ich schon immer in ähnlichen Fällen gegeben habe, tröste, bin charmant, humorvoll. Dann stehe ich auf, lächele, drücke sie und gehe. Unberührt. Ich setze meinen Walkman auf und lasse mich bewegen. Von Grönemeyer, New Order, Rosenstolz, Michael Jackson und den vielen anderen CDs.


Icon fürs Schreibdatum Samstag, 12. 11. 2005
 

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