Geschrieben von Julian in der Rubrik „Meinung”
Am Anfang war das Wort. Und in der Mitte auch. Und am Ende noch viel mehr. Über keinen Teil der üblichen TV-Wahlschlacht wurde mehr geschrieben und geredet, als über das so genannte „TV-Duell“. Nach wochenlangem Streit hatten sich Angela Merkel (CDU) und Gerhard Schröder (SPD) darauf geeinigt, nur ein einziges, großes Duell stattfinden zu lassen.
So standen sich also an jenem Sonntagabend im September die gefühlte Kanzlerin Angela Merkel und der Noch-Kanzler Gerhard Schröder zu einem Duell gegenüber, das - zumindest behaupteten das alle vier Sender gleichzeitig - mit Spannung erwartet wurde. Der Zuschauer hatte, selbst wenn er das Duell aufgrund berechtigter Politikverdrossenheit am liebsten umgangen hätte, kaum eine Chance dazu. In Ermangelung uneiteler TV-Macher übertrugen nämlich alle vier großen Sender gleichzeitig. Auch der Inhalt der Vor- und Nachberichterstattung war – von den Moderatoren einmal abgesehen – identisch. Einzig Sat.1 zeigt sein wahres Gesicht und übertrug statt einer kompetenten Einführung in die Materie (wie sie etwa Anne Will in der ARD lieferte) lieber die Comedy „Schillerstraße“. Dafür wenigstens mit dem viel versprechenden Inhalt „Die Schillerstraße geht in die Politik“. Ob die Zuschauer dadurch jetzt wissen, wen sie wählen sollen, bleibt für unbestimmte Zeit im Dunkeln.
Danach aber die Art von Gleichschaltung, welche die Damen und Herren Politiker wohl als „guten Beitrag zur Information des Bürgers“ oder „ein Zeichen für die Politisierung des Wahlkampfes“ nennen würden. Und doch in Wahrheit nicht mehr war als das Eingeständnis, dass im Dschungel der Eitelkeiten in Politik und Medien für einen ganz sicher kein Platz in der ersten Reihe frei ist: für den Zuschauer nämlich – auch wenn man sich im angeblichen „Interesse des Zuschauer“ auf weniger Regeln und eine besonders lange Sendung geeinigt hatte.
So war das Duell dann eindeutig zu lang, weil auch der politikinteressierteste Zuschauer kaum 90 Minuten verbales Phrasenpingpong ertragen kann, ohne sich nicht irgendwann selbst zu den Frustrierten zu zählen, von denen der bayrische Ministerpräsident nicht möchte, dass sie die Wahl entscheiden. Und dennoch war es zu kurz, denn es mussten in der relativen Kürze der Zeit viel zu viele Themen abgearbeitet werden. Weder der Kanzler noch die Kandidatin kamen ernsthaft über einstudierte Phrasen hinaus, eine wirkliche Grundsatzdebatte über die Zukunft des Landes fand nicht statt, was aber vielleicht auch daran lag, dass sich Beide im Grundsatz einig sind. Das immerhin wurde von Gerhard Schröder und Angela Merkel betont jovial eingeflochten. Wohl um Führungsstärke zu demonstrieren oder zu zeigen, dass ein Teil der Kritik an der rot-grünen Regierung auch der „geschiedenen Protestantin aus dem Osten“ zu gelten habe.
Der Zuschauer wurde während des Duells den Eindruck nicht los, dass es sich um nicht mehr und nicht weniger als einen Austausch genau der Argumente handelte, die man vorher schon von dutzenden B-Klasse Politikern in anderen Sendungen oft genug gehört hatte und somit das gesamte Duell irgendwie überflüssig ist. Die Rhetorik erinnerte wenig an eine ernsthafte politische Debatte, sondern stellenweise eher an die fernsehgerecht vorgetragene Wiederholung all der Plattitüden, die Schröder und Merkel jeden Tag auf drei Marktplätzen unters Volk werfen.
Eine Auseinandersetzung über das, was Frau Merkel wirklich von Herrn Schröder trennt, fand nicht statt. Viel wurde über die Wirtschaft gesprochen, wahlkampfgerecht über den hohen Ölpreis gejammert, ein bisschen über die Familie geredet und der Bundeskanzler schaffte es sogar, in der Kürze der Zeit ein wenig zu menscheln, als er dem irritierten Publikum erklärte, dass seine Frau sogar eine eigene Meinung habe und er sie dafür liebe und respektiere. Merkel konnte da nicht mithalten. Hatte ihr „Freund“ Edmund Stoiber in den Duellen des Jahres 2002 noch freimütig bekannt, er nenne seine Frau daheim „Muschi“, so konnte oder wollte die CDU-Vorsitzende an diesem Punkt nicht mithalten. Schade. Informationen dieser Art hätten den Zuschauer wahrscheinlich mehr interessiert als die Argumente, Zahlen und Fakten, denen man bei regelmäßiger Lektüre der Zeitungen ohnehin kaum entgehen kann.
Das einzig wirklich spannende am Duell war die Frage, welcher Moderator wann welche Frage stellen würde. Immerhin war die Erwartungshaltung hoch: Vier selbsternannte Top-Journalisten wollten die beiden Kandidaten in die Mangel nehmen. Das gelang freilich nicht allen. Thomas Kausch, der SAT 1 –Beitrag zur Show, verhaspelte sich wohl aus lauter Respekt vor den ungewohnt vielen Zuschauern und sprach die Kandidatin mit „Frau Kirchhoff“ an. ARD-Starjournalistin Sabine Christiansen, frisch aus dem Solarium und mit farblich auf das Jackett abgestimmten Haaren, gab Frau Merkel eine dieser für sie nicht untypischen „Wenn sie Kanzlerin werden, dann wird doch alles besser, oder?“ - Steilvorlagen, als sie fragte, ob die Kandidatin sich denn sicher sei, insgesamt für den Aufschwung sorgen zu können. Die RTL-Allzweckwaffe Peter Kloeppel fiel allenfalls am Ende auf, als er sein ausgeprägtes Kopfrechentalent bewies und sekundenschnell ermittelte, dass die drei überflüssigen Moderatoren den genervten Zuschauer ganze vierzehn eventuell erhellende Minuten gekostet hatten.
Wie wohltuend wäre die kühle Sachlichkeit einer Anne Will gewesen, deren Talent die ARD als rasende Reporterin vergeudete! Wie positiv- menschlich hätte sich Sandra Maischberger von all den eitlen Pfauen auf der Moderatorenbank abgehoben!
Dann ging das Debakel des politischen Journalismus irgendwann zu Ende. Was bleibt also von dem ersten TV-Duell „Mann gegen Frau“ zu dem dieses „Medienereignis“ hochstilisiert wurde. Selbst die allgegenwärtige Alice Schwarzer wurde eigens vom ZDF aus der vom Zuschauer herbeigesehnten Fernsehrente hervorgezerrt, um ein paar Mal möglichst markig zu betonen, dass es sich bei Angela Merkel um eine Frau handele und nach dem Duell zu analysieren, Gerhard Schröder sei „auch schon einmal mehr Macho“ gewesen. Aha. Vielleicht hätte man Merkel und Schröder auch einfach zu „Zwei bei Kallwass“ einladen sollen. Die psychologischen Analysen wären sicher fundierter gewesen.
Was bleibt, ist zum einen die Erkenntnis, dass sich Alice Schwarzer für keine Analyse zu schade ist, solange sie irgendetwas Positives über Frauen sagen kann. Zum zweiten, dass die Kinder von Paul Kirchhof alle berufstätig sind. Und zum dritten, dass man sich TV-Duelle in der Regel schenken kann, sobald man über ein gewisses Mindestmaß an Grundinformation über Politik verfügt.
Stil-Ikone des Abends war eindeutig Sabine Christiansen, die mit ihrer Brille und ihrem laienhaft gespielten Verhörstil ein bisschen an Richterin Barbara Salesch erinnerte – nur, dass sie eindeutig geschmackvoller gekleidet war.
Den klügsten Satz sagte an diesem Abend Maybritt Illner, als sie die Zuschauer am Ende des TV-Duells aufrief: „Gehen sie zur Wahl!“ Die sonst übliche „Vermehrung der gewonnenen Einsichten“ hätte sie auch kaum wünschen können. Es gab ja keine.