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Auswandern, umgehend.

Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch

Es hätte alles so schön sein können: Deutschland spielt am 9. Juli in Berlin gegen Brasilien, verliert 3:0 und alle sind furchtbar traurig. Zum Einen, weil Deutschland nicht Weltmeister geworden ist und zum anderen, weil die WM schon wieder vorbei ist. Die Fans aller teilnehmenden Nationen hätten sich in den Armen gelegen, mit Bier zugeprostet und sich dann, am Tag danach, mit wehenden Taschentüchern verabschiedet.

Dazu wird es nun leider nicht kommen. Denn zumindest eine Hälfte der Bundesrepublik wird am 9. Juli erleichtert aufatmen und sagen: „Endlich ist der Mist vorbei!“. Vielleicht werden sie deswegen den abfahrenden Fans mit dem Taschentuch hinterherwinken, vor Freude.

Ich bin bin Fußballfan. Und etwa bis kurz vor der WM 2002 hatte ich tatsächlich geglaubt, Deutschland könnte – ja, müsste – im eigenen Land Weltmeister werden. Dann spielte der frisch gebackene Vizeweltmeister in Hannover gegen deinen Fußballzwerg Namens „Faröer-Inseln“ und siegte in einem augenkrebserregenden Grottenkick knapp und unverdient mit 2:1. Seitdem habe ich den Glauben an unsere Mannschaft verloren. Und den restlichen 80 Millionen Bundestrainern geht es nicht anders. Daran hat selbst Jürgen Klinsmann nichts ändern können. Wenn man mich jetzt fragt, wie weit Deutschland kommt, dann sage ich, mit einem Hauch gespielter Träumerei auf den Lippen, dass das Halbfinale schon drin sei. Und denke mir: Ja. Sicher. Genau.

Natürlich kann man sich auch auf bloßes Fußballgucken beschränken und so tun, als wolle man ernsthaft, dass nur die Besten gewönnen. So wie alle, die eigentlich keine Ahnung von Fußball haben und gezwungen wurden, es trotzdem zu gucken. Aber das macht niemandem wirklich Spaß.

Und weil die Aussichten, am eigentlichen Sinn der Fußball-WM Spaß zu haben, so gering sind, werden die Deutschen dazu gezwungen. Schon knappe vier Wochen vor Beginn des Großereignisses rotiert die Spaßmach-Industrie auf voller Drehzahl. Vor meiner Haustür entsteht gerade ein Beachsoccer-Parcour, damit die Jugendlichen nach dem Fußball gucken auch noch Fußball spielen können. Und damit harmloser Stadtbummler gezwungen werden, die von Jugendlichen blockierte Innenstadt weiträumig zu meiden. Erinnerungen an den Weltjugendtag werden wach und lassen nachts schlecht träumen.

Dann wäre da noch das Fernsehen. Nun könnte man ja denken, dass es bei mindestens 20 frei empfangbaren Kanälen mindestens eine Fernsehstation gibt, die klug genug ist, Programm für Fußballhasser zu machen. Denn auf allen anderen Kanälen läuft nichts außer Fußball: „Verliebt in Berlin“, „Unter Uns“, die Sonntagnachmittagserien auf RTL, alles wird dem rollenden Leder geopfert. Selbst das zu nachtschlafender Zeit laufende „Queer as Folk“ muss einem Fußballmagazin Platz machen. Welcher Zuschauer sich nachts um zwölf das x-te Fußballmagazin anschaut und das Ganze noch dazu auf ProSieben, ist zwar ungeklärt, aber nun ja, ähnlich wie bei der Reportageflut zum letzten Kanzlerduell scheint es an uneitlen TV-Machern zu mangeln, die ganz einfach mal das senden, was ihre Zuschauer sehen wollen: Filme, Magazine, Serien. Und nebenbei läuft, für alle, dies interessiert, die WM.

Und dann, dann wäre da noch Franz Beckenbauer. Der allgegenwärtige und vielseitig verwendbare WM-Organisationspapst und UEFA-Präsident in spe verspricht dem genervten Deutschen seine Hochzeit, sobald die WM vorbei ist. Man wünscht sich, dass sein Hochzeitstermin nicht mehr allzu lange auf sich warten liesse.

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Icon fürs Schreibdatum Dienstag, 2. 5. 2006
 

bisherige Kommentare:

Lars schrieb am Dienstag, dem 2. 5. 2006:

Unser Organisationspapst kann jetzt sogar noch einen weiteren “Titel” sein eigen nennen. Das Time-Magazine kürt die 100 bedeutendsten Persönlichkeiten 2006. Demnach ist Franz Beckenbauer einer der vier wichtigsten Personen aus Deutschland. Neben uns, dem Papst, unserer Angie, Mercedes-Bonz, ähh Daimler-Chef Zetsche.

Dein Begriff Organisationspapst erhält somit eine ganz neue Bedeutung. Man will es ja kaum wahrhaben, aber die Wichtigkeit von Fußball spielt in der Spitzenliga von Politik und Religion. Auf diesen drei Säulen scheint die Welt gebaut… ob das gut ist?

Lena schrieb am Dienstag, dem 2. 5. 2006:

Ganz genau meine Meinung! Fand es an sich gut, dass Beckenbauer die WM nach Deutschland geholt hat, aber das Ganze mutiert nach und nach zu einer grenzenlosen Kommerzveranstaltung, bei der der Fussball immer nebensächlicher wird. Wenn Deutschland dann - wie ich glaube - in der Vorrunde ´rausfliegt ist die WM für die meisten Deutschen spaßtechnisch ´eh gelaufen, weil die ganzen Realitätsfremden die deutsche Nationalmannschaft mindestens im Viertelfinale sehen und furchtbar enttäuscht sein werden, wenn unsere Mannschaft ´mal wieder demonstriert, dass sie ihr Gehalt nicht wert ist. Und das mit dem Fernsehprogramm ist ja wohl das Allerletzte. Ich frage mich jetzt schon, wie ich den WM-Monat überstehen soll, gucke nämlich nicht jedes Spiel, sondern nur die von Deutschland und das Endspiel. Werde mir wohl neue Hobbies zulegen müssen, die ich dann einsam und alleine verfolge, während das restliche Deutschland inklusive ´ner Menge ausländischer Gäste ´durchdreht!

Lars schrieb am Mittwoch, dem 3. 5. 2006:

“Fussball Sommer 2006: Unser Alternativprogramm für Frauen”

Schweizer Touristik-Werbung kann ja richtig “frisch” sein. Naja, vielleicht wär’ das ja die Alternative für dich (bzw. uns alle als WM-nicht-oder-teilweise-Fans) keine neuen Hobbies, sondern ein Urlaub in der Schweiz - für den, der sich diese WM-Alternative leisten kann (wobei, wenn man bedenkt, was man für Tickets hätte ausegben können).

Naja, vielleicht gibt es ja auch den ein oder anderen schwulen Naturburschen dort ;-)

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