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Ein Lama zum Anfassen - Teil II

Geschrieben von Cati in der Rubrik „Catis Tagebuch

Langsam füllt sich die Halle in Mülheim. Eben noch links vom Rhein, stehe ich jetzt zwischen den Stuhlreihen am Veranstaltungsort, der sich auf der anderen Seite des Rheins befindet. Freunde aus dem Zentrum haben mich ganz unkompliziert in ihr Auto geladen und mir damit die Fahrt mit der Bahn erspart. Da steh ich nun, auf der Suche nach einem geeigneten Platz. Ich prüfe die Sicht von meinem augenblicklichen Standpunkt und entscheide mich für zwei Reihen weiter. Genau. Hier ist es gut - nicht zu weit und nah genug. Ich lege meine Jacke über den Stuhl, schnappe mir das Infoblatt zur Kagyü Linie, die eine der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus ist - die alte und neue Belehrungen umfasst, die Tibet erreichten. Draußen vor dem Eingang wimmelt es nur so von Menschen. Ganze Familien in drei Generationen und mehr parken ihre Autos - Räder auf den dafür vorgesehenen Plätzen und sich selbst gleich mit - an der Kasse, um eine Karte zu kaufen. Sie scheinen zu wissen, dass es sich lohnt, wie ich.

Die Halle ist bis auf wenige Stühle fast ausverkauft. Alles wartet auf SEIN Kommen. Ein angenehmes Gemurmel umgibt meine Ohren. Neugierig drehe ich mich um, blicke durch den Saal: Gibt es eine Schublade, in der man das Publikum stecken kann? Nein. Sehr gut. Ich hasse Schubladen wie mein Kumpel Alex und es ist wunderbar, dass hier kein Mensch “typisch” für diese Veranstaltung aussieht: Jung, alt, dick, dünn, groß, klein, Öko, Hippie, Bänker, Mutti, Bodybuilder, Schwule, Dreadhaarträger, - sie sind alle hier und ich spüre ein Grinsen über mein Gesicht huschen. Freue mich schon auf die Frage einiger Leute am nächsten Tag: Und - was waren denn da so für Gestalten? Bestimmt so…! Und ich fange schon jetzt an, mir die Gespräche darüber auszumalen.

Ich bin kein Stück müde, obgleich ich die Nacht zuvor kaum geschlafen habe. Es ist kurz vor halb neun. Erstaunlich - keine Unruhe, wenn der Meister später kommt. Gelassenheit in jedem Winkel des Raumes. Kinder spielen Fangen, Gespräche zwischen den Stuhlnachbarn und plötzlich sehe ich einen alten Bekannten auf mich zukommen. Wir schauen uns erstaunt an und fast zeitgleich die Frage: “Du auch hier?” Wir haben uns das letzte Mal vor etwa vier Jahren bei einer lieben Freundin gesehen. Freude auf beiden Seiten. Er nimmt mit seinem Freund neben mir platz und im gleichen Augenblick betritt der Lama den Saal. In den ersten Reihen stehen viele auf, begrüßen und umarmen ihn. Und wieder spüre ich dieses Gefühl - ich bin angetan von seiner Art, den Menschen zu begegnen.

Zweieinhalb Stunden erzählt er aus seinem Leben, seinem Weg, von Weisheit und Mitgefühl, grenzenlosem Raum, Freude, Buddhas Geschichte und vielem mehr. Es ist mir selten so leicht gefallen zuzuhören. Ich ertappe mich oft nickend. Verständlich erklärt er den jahrtausendalten Reichtum der buddhistischen Lehre und lässt es auch an dänischem Witz und Charme nicht fehlen. Anschließend meditieren - ich bin im Schätzen schlecht - etwa 600 Menschen auf den 16. Karmapa (Hauptpraxis für gemeinsame Meditationen in Diamantweg-Zentren) und es ist ein unbeschreibliches Gefühl: Es ist mausestill, zwischendurch werden Mantras gesprochen und auf tibetisch gesungen. Nichts ist mir fremd, mir unangenehm. Dabei fällt mir eine Textpassage aus Lama Ole Nydahl seinem Buch “Wie die Dinge sind” (S. 155) wieder ein:

“Meditation kennt Jeder. Die Augenblicke im Leben, wo einem etwas geschenkt wird, wo Freude aus eigener Kraft entsteht und alles einfach Sinn hat, sind Meditationserlebnisse: Unbemerkt kam das Meer des Geistes zur Ruhe und man sah klar; der Staub fiel vom inneren Spiegel und man verstand. Was ohne Hinzufügen von irgendetwas so viel Erfüllung bringt ist der eigene Geist, das Gewahrsein des Augenblicks. Dieser Zustand kann bewusst dauerhaft gemacht werden.”

Und noch an diesem Abend nehme ich Zuflucht beim Lama. Ich wende mich den Werten zu, auf die wirklich verlass ist. Ole segnet mich. Ich erhalte ein blaues Band mit dem Buddhaknoten, als gutes Zeichen einen buddhistischen Namen und mir wird ein winziges Stück Haar abgeschnitten. Bis tief in die Nacht feiern wir noch später im Zentrum - Ole und seine Frau dabei, sie nächtigen im Zentrum. Ich stehe am Türrahmen des Meditationsraumes gelehnt und lasse es einfach nur noch auf mich wirken und genieße. Hier und jetzt. Ich verstehe. Endlich.

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Icon fürs Schreibdatum Freitag, 28. 4. 2006
 

bisherige Kommentare:

Christian Staak schrieb am Freitag, dem 28. 4. 2006:

Hallo !

Superschön geschrieben. Dank Dir. Kommst Du auch dieses Wochenende zum Ole-Kurs nach Krefeld?

http://www.buddhismus-west.de/westkurs/index.html

Lieben Gruß von Christian aus Freiburg

Cati schrieb am Freitag, dem 28. 4. 2006:

Hallo Christian,

vielen Dank! Ich freue mich, dass Du Freude am Lesen hattest. :-) Und: Ja, ich werde auch in Krefeld sein, vielleicht sehen wir uns ja dort sogar.

Britta Jeromin schrieb am Sonntag, dem 30. 4. 2006:

Wunderbare Beschreibung wie man wie selbstverständlich im Buddhistischen Mandala ankommt und sich sofort den kostbaren alten Weisheiten öffnen kann. Danke. Britta aus Hamburg

Anette schrieb am Donnerstag, dem 4. 5. 2006:

Habe sofort Gänsehaut bekommen beim lesen und das starke Gefühl der Dankbarkeit. Habe Ole und sein Dasein selbst so intensiv erlebt und fühle mich gleich verbunden und daheim.

Grüsse von Anette

Kathinka schrieb am Mittwoch, dem 10. 5. 2006:

Hallo Catriona,

habe beim Lesen auch Gänsehaut bekommen…

Liebe Grüsse von Kathinka

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