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Ein Lama zum Anfassen - Teil I

Geschrieben von Cati in der Rubrik „Catis Tagebuch

Ich war mir so sicher - so sicher, dass er mich nicht so einfach überzeugen konnte, denn ich prüfe und erfahre gerne selbst. Ich habe sein Buch gelesen, ein zweites Geliehenes liegt schon auf meinem Hocker neben dem Bett. Gut. Ich gebe zu, es inzwischen schon drei Mal gelesen zu haben. In so kurzer Zeit. Das ist mir noch mit keinem anderen Buch so passiert. Ich habe es erst auf meine Stimmung geschoben: verwirrt, orientierungslos, traurig und was weiß ich nicht alles. Doch als ich schon zwei Wochen zuvor den 24.4. tadellos durchorganisiert hatte - es sollte auf keinen Fall etwas dazwischen kommen dürfen - wurde mir klar, dass ich ihn unbedingt sehen musste, einen der bekanntesten westlichen buddhistischen Meister.

Der Himmel ist blau wie in einem Bilderbuch für Kinder. Ich eile zur Bahn, mit den Gedanken schon längst am buddhistischen Zentrum, dort wo er, vor seinem Vortrag in der Mülheimer Stadthalle, gegen 17 Uhr einkehren wird. Ich bin spät dran, habe Sohnemann noch vorher zum Schwimmkurs gebracht und versprochen zu bleiben, bis er sich seiner Gruppe angeschlossen hat. Es ist kurz vor halb sechs und ich fange an zu schwitzen: Und wenn er schon da war? Ich ihn verpasst habe? Es unhöflich ist, später einzutreten?! Ich hatte ja keine Ahnung, wie es abläuft, wenn der Lama kommt. Kippe an. Kippe aus, weil die Bahn kommt. Erleichterung. Es ist zu meiner Freude mal die richtige Bahn. OK, zehn Minuten braucht sie bis zum Hansaring, fünf Minuten ich zu Fuß bis ins Zentrum. Ich überlege kurz, ob ich nicht doch gleich den Weg Richtung Stadthalle einschlage, weil ich auf keinen Fall im buddhistischen Zentrum zu spät reinplatzen will. Nein. Vielleicht habe ich Glück. Ole hat eine längere Anreise. Auch er wird nicht auf die Minute genau da sein, bestimmt nicht. Endlich höre ich die Stimme aus den Lautsprechern der Straßenbahn: Nächster Halt - Hansaring. Schnell raus. Ich schiebe und schlängel mich an den Menschenmassen vorbei, die ihren Feierabend beginnen zu scheinen und haste zur Rolltreppe und die steht. Klar, wenn es schnell gehen soll, funktionieren die Dinger nie. Also gut, ich schwinge meine langen Beine im Wechsel zwei Stufen rauf - ich wusste gar nicht, dass ich noch so sportlich sein kann - gehe bei rot über die Ampel, nicht ohne zu schauen, ob ein Kind in der Nähe ist, und breche meinen Rekord: Drei Minuten vom Tunnel bis zur Straße der “besonderen” Begegnung.

Vorsichtig schaue ich durch die Tür des Zentrums, die weit offen steht. Einige bekannte, viele unbekannte Gesichter, großes Plaudern, Kaffeetassenklappern, Kerzenlicht und eine Stimmung, die sich direkt auf mich überträgt: Ein Lächeln auf meinem Gesicht. Schnell ertaste ich die Situation - er ist noch nicht da. Puh. Meine Erleichterung wird mir angesehen und erst einmal eine Limonade angeboten. Ich tapse mit der Flasche in der Hand, der Tasche unter dem Arm zur Garderobe und entledige mich meiner dicken Wolljacke, die heute irgendwie unangebracht ist. Es ist richtig warm geworden, die kalten Tage scheinen wirklich vorbei zu sein.

Ein Gespräch hier, ein Lächeln da. Sie sind alle so fröhlich, gut gelaunt und warmherzig. “So voll habe ich es hier noch nicht gesehen”, beginne ich vorsichtig ein Gespräch mit meinem Nachbar zur Linken. “Oh, das ist noch angenehm, wir können uns noch etwas bewegen. Wenn Ole kommt, ist es hier immer richtig voll. So manches Mal ging es nicht mehr vor und zurück.” Mir wird der neue Altar gezeigt. Er ist wunderschön. Ich bin beeindruckt. Und überall diese schönen Blumen, der Duft von frischem Tee und Waffeln. Ich fühle mich total wohl und spüre, wie die Entspannung einsetzt. Ich nicke und versuche, alles auf mich wirken zu lassen. Sie freuen sich, dass ER kommt. Sehr sogar. Und ich jetzt auch immer mehr.

Gerade entspannt, klingelt mein Mobil und meine Freundin ist am Telefon. Sie finde den Kleinen nicht, er sei auch nicht mehr in der Umkleide und draußen schon gar nicht. Mir wird schlagartig schlecht. Mein Kind! Wo ist es?! Hat ihn jemand mitgenommen?! Wieso ist er nicht da?! Am anderen Ende der Leitung gleiches Entsetzen. Cati, sage ich mir, ganz ruhig. Sicherlich wird er nur etwas langsamer beim Umziehen gewesen sein und deshalb beim Rausgehstrom übersehen worden sein. Wir überlegen, entscheiden uns, in zwei Minuten noch einmal zu telefonieren - sie wolle noch einmal schauen, ob er nicht doch in der Umkleide steckt. Ich lege auf. Panik! Ole kommt, oder Ole kommt nicht. Diese zwei Minuten sind endlos und alles ist jetzt egal, nur mein Sohn muss wieder auftauchen. Es klingelt erneut. Er hatte sich in der Umkleide vertan und war in der für Mädchen gelandet. Ein erleichertes Aufatmen auf beiden Seiten des Telefons ist zu hören. Alles ist gut. Mausi wieder da. Unvorstellbar, was gewesen wäre, wenn er verschwunden wäre. Wir legen mit großer Erleichterung auf.

Ich nehme noch einen Schluck aus der Limonadenflasche und während ich noch in Gedanken bei meinem fast verschwunden gewesenen Sohn weile, fährt ein silberner Kombi mit Wiener Kennzeichen vor. Ich hatte bei meinem Schock gar nicht mitbekommen, dass alle inzwischen draußen vor der Tür um mich versammelt standen. Herje, wohin mit meiner Flasche?! Ich kann doch nicht mit einer Flasche in der Hand den Lama begrüßen! Ein Blick nach hinten und ich habs: Hinter einem Fahrrad kann ich sie erst einmal abstellen und später dann wieder mitnehmen. Ist das alles aufregend! Ich drehe mich zurück und da steht ER: Lama Ole Nydahl - westlich gekleidet, braungebrannt, mit einem Lächeln, das mich sofort ergreift. Und er sieht so normal aus, so natürlich. Das gefällt mir sehr. Er blickt in die Runde, begrüßt zunächst intensiv das Team und plötzlich schweift sein Blick nach links: Mir wird schlagartig heiß, meine Hände nesteln an meiner Bluse. Bloß nicht auffallen.

Vor mir stehen, leicht links und rechts, zwei Männer. Er geht auf sie zu, nimmt sie in den Arm, drückt seine Stirn an die ihre und hält kurz inne. Tausend Fragen in meinem Kopf: Was, wenn er mich auch in den Arm nehmen will? Nimmt er jeden in den Arm? Wie verhalte ich mich angemessen? Ich habe noch nie einen Lama leibhaftig gesehen, geschweige denn, umarmt! Was ist nur mit mir los?! Er ist gerade mal zwei Minuten da und ich bin so nervös, als hätte ich mein erstes Date! Plötzlich treffen sich unsere Blicke. Er kommt einen Schritt auf mich zu, ich sage ein verlegenes “Hallo” und schon umschließt seine linke Hand meinen Nacken - mein Kopf geht einen Hauch zurück, weil ich nicht genau weiß, was passiert - doch er drückt ganz sanft seine Stirn an meine und für zehn Sekunden etwa schauen wir uns tief in die Augen. Der Winkel kann perfekter nicht sein: So nah und doch können wir uns sehen. Ich kann nicht ausweichen. Und ich will es auch gar nicht. Meine Hand gleitet wie von selbst über seine Schulter und ich streiche vorsichtig auf und ab, wie, wenn ich einen mir sehr ans Herz gewachsenen Menschen begrüße. Langsam löst er seine Hand, streicht mir noch einmal über die Wange - Augenkontakt - und begrüßt den Jungen neben mir.

Ich wusste in diesem Augenblick, dass es das einzig Richtige war, hierher gekommen zu sein. Nein, ich bilde mir nichts darauf ein, dass ich zu den Allerersten gehörte, die er begrüßte. Ich stand wohlmöglich einfach nur günstig. Trotzdem bewegt es mich unwahrscheinlich. Ich war tief beeindruckt. Stille in meinem Kopf. Stille! In MEINEM Kopf! Ein Augenblick in dem die Dinge sind, wie sie wirklich SIND. Und eben auch ein Lama zum Anfassen.

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Icon fürs Schreibdatum Mittwoch, 26. 4. 2006
 

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