Geschrieben von Patrick in der Rubrik „Augenblick, Filme”
Die Schlagzeile kam überraschend: Der Vatikan überdenkt seine Sexualpolitik. Wo noch vor Kurzem ein klares Nein zum Gebrauch von Kondomen allgemein angesagt war, überprüft der Vatikan nun, ob HIV-Infizierte ein Kondom benutzen dürfen.
Wir sind Papst, schon seit über einem Jahr. In dieser Zeit haben wir viel mit Benedikt XVI. erlebt. Einen Weltjugendtag, zum Beispiel. Oder Ostern, das der Papst ganz tapfer und souverän trotz seines Geburtstags meistern konnte. Die Euphorie war groß, als Benedikt als erster Deutscher seit langer Zeit zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde. Ein Deutscher auf dem Stuhle Petri – das ist etwas Besonderes. Die Erwartungen, die Analytiker an ihn hatten, gingen stark auseinander. Während die einen ihn als konservativen und linientreuen Nachfolger Papst Johannes Pauls II. einschätzten, glaubten andere daran, dass Benedikt die Kirche wieder auf „den rechten Pfad“ bringen könne.
Es ist noch gar nicht lange her, da lehnte die katholische Kirche den Gebrauch von Kondomen für Aids-Kranke oder HIV-Infizierte strikt ab – sogar in der Ehe. Der vor einem Jahr verstorbene Papst Johannes Paul II. war ein Verfechter dieses strengen Kurses. Anstatt Kondome zur Vorbeugung von Aids und Geschlechtskrankheiten zu verwenden, forderte er, dass sich die Infizierten in sexueller Enthaltsamkeit üben sollten.
Damit ist jetzt Schluss: der Kurienkardinal Lozano Barragan wird in der nächsten Zeit damit beschäftigt sein, die Frage zu klären, ob man Kondome unter „speziellen Aspekten“ verwenden darf. Das berichtete die römische Zeitung „La Repubblica“. Demnach arbeite man im Vatikan an einem Dokument, das HIV-Infizierten den Gebrauch von Kondomen erlauben soll.
Kardinal Barragan, ein enger Vertrauter des Papstes, sagte in dem Interview, dass es sich um ein sehr schwieriges und delikates Thema handle. „Es war Benedikt, der eine Prüfung dieser besonderen Frage einer Benutzung von Kondomen von Seiten Aids-Kranker verlangt hatte“, sagte Barragan. Wie genau die Neuregelung im Einzelnen aussehen wird, weiß noch niemand. Der Vatikan übt sich indessen im Schweigen.
Schon eine Woche zuvor sorgte Kardinal Carlo Maria Martini, Ex-Erzbischof von Mailand, in einem Zeitungsinterview mit der italienischen Wochenzeitschrift „L’Espresso“ für Aufsehen. Er forderte den Vatikan auf, seine Einstellung gegenüber Kondomen zu überdenken: „Es muss alles getan werden, um Aids zu bekämpfen“, sagte er. In gewissen Situationen stelle der Gebrauch eines Präservativs das geringere Übel dar, fügt der Kardinal hinzu.
Die Erlaubnis zur Verwendung von Kondomen wird vor allem in Afrika für eine Verbesserung der HIV-Situation sorgen. 2004 starben alleine in Südafrika 2,3 Millionen Menschen an der Immunschwäche. Weltweit starben 3,3 Millionen Menschen an Aids. Südlich der Sahara leben 25,4 Millionen Infzierte. Das sind rund 64,5% aller Aids-Infizierten weltweit (Stand: 2004). Während vor allem in Europa die Zahl der Katholiken rückläufig ist, erlebt der Katholizismus in Afrika einen regelrechten Boom. Schätzungen zur Folge leben 16,5% der insgesamt 1,08 Milliarden Katholiken weltweit in Afrika. Alleine in den vergangenen fünf Jahren nahm die Zahl der dort lebenden getauften Katholiken um 6.231.000 zu.
Verwandte Artikel:
Ein Kommentar:
Hugo Ernst Handrick Cesla, Fribourg (Schweiz) schrieb am Mittwoch, dem 26. 4. 2006:
“Das geringere Übel”
Ich bin überzeugt,dass die Zulassung von Kondomen in gewissen Fällen ein Gebot der Menschlichkeit und das heisst auch der “Caritas”(”Deus est Caritas”)ist. In Anbetracht des unermesslichen Leidens, das durch AIDS entsteht und angesichts der Schwächen und der Hilflosigkeit so vieler Menschen drängt es sich auf, im Sinne der göttlichen Liebe auf die Stimme der Barmherzigkeit hören.
27.04.2006