SeiDu.Blog

Zucht und Ordnung

Geschrieben von Julian in der Rubrik „Meinung, Julians Tagebuch

Deutschland geht es schlecht. Erst kommen die Investoren nicht, dann stirbt das Staatsvolk aus und jetzt dreht auch noch die hoffnungsvolle Jugend völlig durch. Wirft mit Steinen nach Polizisten und treibt ihre Lehrkräfte erst zum Hörsturz und dann zu einem offenen Brief, in dem sie die Schließung ihrer Schule quasi herbeiflehen. Schlimm, keine Frage. Aber sicher weiß Gott nicht so sensationell, wie die Journalisten uns jetzt weißmachen wollen.

Briefe dieser Art gehen allein im nordrhein-westfälischen Schulministerium zu Hunderten ein – binnen eines halben Jahres wohlgemerkt. Wohl auch deswegen traut sich keiner der angeblich so perplexen Politiker, die dramatischen Geschehnisse an der Rütli-Oberschule zu einen bedauerlichen Einzelfall zu erklären, wie es ja sonst so die Art von Politikern ist, wenn ihnen eine Krise über den Kopf zu wachsen droht. Und jeder Mensch, der einen dieser bedauernswerten Menschen, die sich einst entschlossen, Hauptschullehrer zu werden, in der näheren Verwandtschaft hat, dürfte wissen, wie es um diejenigen, die man nicht umsonst die „Schwachen“ unserer Gesellschaft nennt, steht.

Bleiben unangenehme Fragen, die sich unsere Gesellschaft als ganzes wird stellen müssen: Wie damit umgehen, dass Jugendliche heute schon mit zehn oder zwölf Jahren auf ihren Handys Porno- und Gewaltvideos anschauen, die vor zehn oder fünfzehn Jahren selbst für Erwachsene schwer aufzutreiben gewesen wären? Wie der Gewalt, die sich – nicht nur – an der Rütli-Oberschule in allen ekligen Facetten zeigt, Herr werden? Oder: Wie man den jungen Menschen zumindest die Grundlagen von Sitte und Ordnung beibringen kann, wenn das Elternhaus so offensichtlich versagt?

Wahrscheinlich gar nicht.

„Jedes Volk bekommt die Regierung, die es verdient“, hat ein großer Denker einmal gesagt. Vielleicht bekommt ja auch jede Gesellschaft den Nachwuchs, den sie verdient. Vielleicht müssen wir uns fragen lassen, weshalb wir in den vergangenen Jahrzehnten so nachlässig mit denen umgegangen sind, die demnächst dieses Land tragen sollen, weshalb wie die Hauptschule nicht abgeschafft, die doppelte Staatsbürgerschaft nicht eingeführt und die Ausländer, deren Häuser von Nazi-Schergen abgebrannt wurden, sich der Solidarität der Politiker nicht sicher sein durften. Warum es etwas besonderes ist, wenn ein Bundespräsident sagt, er wolle der Präsident aller hier lebenden Menschen sein. Oder, warum er so etwas sagen muss.

Kein Problem mit den Migranten

Antworten gibt es viele – und doch eigentlich keine. In ihrer Not und vielleicht auch ihrer intellektuellen Hilflosigkeit ob der veränderten Realität der jungen Generation greifen Politiker zu den einfachsten aller Antworten. Wie meistens. Da wären zum Einen: Die Ausländer sind schuld. Ein beliebter Reflex in Deutschland. Wenn ein durchgedrehter Türke seine Schwester aus „gekränkter Ehre“ erschießt, dann weisst man nicht den einen Türken in die Psychiatrie ein, sondern stellt quasi en passant mal eben alle hier lebenden Moslems unter den Generalverdacht, potenzielle Mörder, Attentäter und Sozialschmarotzer zu sein. Das ist nicht nur sachlich Unsinn, sondern auch noch Gift für das Klima im Staate. Denn Dialog tut Not, zwischen den Ausländern auf der Einen und den Deutschen auf der anderen Seite. Allerdings sollte man tunlichst davon ablassen, bei jeder unbequemen Antwort auf eine doofe Frage gleich „Abschiebung“ zu rufen, weil man tief im innersten denkt, dass jeder, der kein Christ ist, automatisch ein schlechter Mensch sein muss. Im übrigen, auch das wird gerne vergessen, gehen auf die Schulen, deren Lehrer die erwähnten Briefe schreiben, auch deutsche Kinder, die kein Deut weniger gewaltbereit oder konstruktiver sind, als ihre Klassenkameraden mit Eltern aus dem Ausland. Also haben wir vielleicht kein Problem mit den Migranten, dann aber sicher eins mit der Jugend.

Tsunamis dĂĽrfen nicht rein

Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn es nicht für jedes unbequeme Benehmen gleich eine Antwort gäbe: Ein Verbot nämlich. Seit neuestem ist es in Bayern also verboten, in der Schule das Handy anzuschalten, es sei denn, es liegt ein Notfall vor. Natürlich ist dieses Verbot Unsinn, denn wenn man die Gewaltvideos nicht vormittags tauscht und schaut, dann tut mans eben nachmittags, wenn man vor dem dichtgemachten Jugendclub sitzt oder aufgrund von Arbeitslosigkeit sowieso nix besseres zu tun hat. Und wenn man Opfer von Gewalt wird (was ja – so erzählt man sich – auch an bayrischen Schulen vorkommen soll), so kann man nicht einmal mehr über das Handy hilfe holen. Aber vermutlich würde Edmund Stoiber auch einem an der Ostseeküste auflaufendem Tsunami die Landung an der deutschen Küste zunächst per Dekret untersagen und sich wundern, weshalb das alles nichts geholfen hat.

Der MĂĽll

An den Problemen ändert das nichts: An der Zukunfts- und Versagensangst einer ganzen Generation, die irgendwo zwischen Arbeitslosigkeit, sinkenden Renten, auseinanderfallenden Familien, „Kindern für die Republik“ und dem allabendlichen Fernsehmüll ihr Leben frei gestalten können sollte – und aus deren Mitte ganze Schichten für sich keine Chance mehr sehen. An der Perspektivlosigkeit, die Menschen doch zwangsläufig befällt, wenn sie in der zweiten oder dritten Generation von „Hartz IV“ leben und immer nur die anderen den Zugang zu den Fleischtöpfen unserer Gesellschaft bekommen. Weil sie abgeschrieben wurden in einem ungerechten Schulsystem und ausgegrenzt wurden von der ignoranten Mehrheit, die darauf besteht, in einem christlichen Land zu leben, obwohl 4/5 aller „Christen“ seit Jahren keine Kirchen mehr von Innen gesehen haben und Golgatha für eine Zahncreme halten. Kinder, die in ihrem Leben nichts anderes kennengelernt haben, als das Gefühl, keine Chance zu haben und die nun zeigen, wie wütend sie darüber sind.

Gerecht ist das alles nicht mehr, frei ist es auch nicht. Es ist nicht demokratisch. Aber es ist Deutschland.

Passend dazu:

Liebe SchĂĽler… - Vorsicht vor den Journalisten


Icon fürs Schreibdatum Sonntag, 16. 4. 2006
 

bisherige Kommentare:

stefan schrieb am Sonntag, dem 16. 4. 2006:

Ja, das ist sicherlich Deutschland. Aber was ich noch viel schlimmer finde, es ist nicht nur Deutschland, diese anonyme Menge unzähliger Personen. Es ist auch meine Familie.
Ich war die letzten paar Tage bei meinen Eltern. Ich mag meine Eltern. Sie haben unendlich viel für mich getan. Und doch gibt es immer wieder Momente, wo ich am liebsten nicht Teil dieser Familie wäre.
In den letzten Tagen ging diese „Ehrenmord“-Geschichte durch die Presse. Mein Vater sitzt am Frühstückstisch mit der Bild in der Hand und fängt an über Ausländer herzuziehen, in einem Maße wie ich es unerträglich finde. Nicht über den einen, der in diese Geschichte verwickelt ist, sondern über alle, wobei er insbesondere Türken, Araber und andere nicht-westliche Ausländer meint. Franzosen oder Briten in Deutschland meint er jedenfalls nicht.
Ich hasse es, wenn er so generalisiert und tausenden Menschen Unrecht tut. Oft genug habe ich das schon erlebt. Oft genug habe ich versucht eine sachliche Diskussion mit ihm zu führen, dass es ungerecht ist, alle in einen Topf zu werfen, kräftig umzurühren und das Negative herauszuziehen. Oft genug hat er sich dann über mich lustig gemacht. Oft genug hat mir das weh getan.
Ich fühle mich hilflos. Ich weiß, ich kann nicht das Denken vieler Menschen ändern. Ich schaffe es noch nicht einmal bei einem einzigen. Und doch würde ich es gern. So habe ich mich damit abgefunden, dass ich diese seine Anfälle wortlos über mich ergehen lasse. Jedenfalls solange sie nicht länger als ein oder zwei Minuten dauern. Und wenn es länger geht, stehe ich auf und gehe weg. Ich laufe vor dem Problem weg, das ich nicht ändern kann, doch ist es mir unerträglich zu bleiben. Ich schäme mich dafür.

Matthias schrieb am Sonntag, dem 16. 4. 2006:

Lieber Julian

Ich finde, Du hast die Problematik sehr genau erkannt, hervorragend beschrieben und weist auf den wunden Punkt hin!

Ignoranz, die in Ideologie begründet liegt, gegenüber realen Entwicklungen war schon immer eine Geissel der Menschheit. Vor allem wenn Sie denjenigen zu Eigen ist, die Verantwortung als Entscheidungsträger für eine ganze Gesellschaft haben.

Ich glaube nicht daran, dass Besserung in Sicht ist. Eher muss ich davon ausgehen, dass Sturheit und Normierung weiter fortschreiten.

Dank an Julian, für den Mut, seine Gedanken zu veröffentlichen!

Lieben GruĂź,
Matthias

Einen Kommentar schreiben

* = diese Angaben werden benötigt