Geschrieben von Julian in der Rubrik „Julians Tagebuch, Aufgefunden”
Nun, ich bin tolerant. Wäre die Toleranz ein Mensch gewesen und glaubte ich an die Wiedergeburt, ich wäre die Reinkarnation der Toleranz. Mir ist wirklich alles egal, jeder Mensch soll so leben, wie er will. Weiterhin bin ich respektvoll. Denn weil Respekt ja quasi der Vater der Toleranz ist, ist der mein Opa. Ich bin also freundlich, respektvoll und tolerant allen gegenüber.
Mit nur einer einzigen, klitzekleinen Einschränkung: Ich bin ein Sprachfetischist.
Dieser Fetisch hat im Gegensatz zu anderen – in manchen blauseitigen Communities ja geradezu gehypten Fetischen – aber nichts aufgeilendes. Zumindest nicht zwangsläufig. In der heutigen Zeit hat er eher etwas frustrierendes.
Da geht Julian (J) mit hungrigem Magen in ein Lokal eines größeren, bekannteren Burgerbraters (B) und bestellt.
(Der folgende Dialog ist sinngemäß wiedergegeben, meine Reaktion ebenso.)
J: „Guten Tag!“
B – schweigt –
J: „Ich hätte gerne einen Big King“
B: „Mitbekn?“
Nach einer kurzen Phase des Zögerns entscheidet sich Julian, diese Frage zu verneinen.
J: „Nein“
B: „Schiess?“
Die Phase des Zögerns wird länger, weil Julian keine Waffe bei sich trägt, mit der er dieser Aufforderung hätte nachkommen können. Erst als ihm der fragende Unterton auffällt, kommt Julian zu dem Schluss, dass es sich um eine pervertierte Fassung des englischen Wortes „Cheese“ handeln könnte.
Daher verneint er auch diese Frage.
So stellte mir die charmante Angestellte also mit jenem unverwechselbar leeren Blick, den nur Fast-Food-Ketten-Angestellte zu beherrschen scheinen, eine große Portion „Pomm Fritz“, eine „Schprait“ und eine kleine Tüte „Kätschop“ auf ein Tablett und sagte:
„Der Bürger wird gerade noch frisch gemacht. Ich bringe ihnen den dann an´n Platz.“
Julian schluckte kurz seine Bedenken, einen seiner Mitbürger einfach so zu verspeisen, herunter, setzt sich dann aber doch seufzend an einen Tisch und wartet. Währenddessen hört er noch das Gespräch seines Tischnachbarn mit, der seiner Frau am Telefon erklärt, er habe gerade einen „Bürger King“ verspeist.
Dann kommt mein Essen. Ich verspeise es und gehe anschließend in ein Kaufhaus. Dort werden unter anderem auch Fernseher verkauft. Die sind natürlich angeschaltet. Und – na klar! – darf auf einem der zahlreichenden flimmernden Bildschirmen auch wieder eine Berühmtheit reden, in diesem Fall heißt er Rau und ist Bundespräsident. Er redet vor einer Versammlung von Wirtschaftsbossen. Soweit so gut. Es ist eine jener Reden, die keinem weh tun soll, aber dennoch mediales Echo finden möchte.
Und weil jeder Bürger erreicht werden soll, wird auch quasi jede Randgruppe einzeln erwähnt. Er erinnert ein bisschen an Heinrich Lübke, der einst sagte: „Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Neger!“
Daraus wird heute:
“Sehr geehrte anwesende Damen und Herren! Liebe Bürgerinnen und Bürger! Verehrte Einwohner Berlins!“ Nun sind zwar alle Menschen, die diese Rede hören, einem Geschlecht zuzurechnen und zumindest zeitweilig Bewohner der Bundesrepublik (Ja, sogar die Berliner! Oh, Verzeihung, die Berlinerinnen natürlich auch), aber das ist ja egal, denn eine Rede muss nicht gut zu hören sein. Sie darf bloß niemandem wehtun.
Das ist überhaupt der einzige Sinn der gesamten „political correctness“. Nicht zugeben, dass man Vorurteile besitzt. Und wenn, dann doch bitte so elegant kaschiert, dass die eigentlich niemandem großartig auffallen.
So müssen Polizisten nach wie vor die Rasse des Verhafteten aufnehmen, obwohl die Rasse eines Menschen in Deutschland per Grundgesetz keine Rolle zu spielen hat. Um diese skandalöse Tatsache zu verschleiern, wurde das Wort „Farbiger“ erfunden. Dieses erwies sich allerdings als relativ ungenau, denn schließlich wäre auch jemand „farbig“, wenn er sich in blauer Farbe wälzt. Über seine Rasse sagt das noch nichts aus.Das neue Wortungetüm, dass zur Einteilung des Menschen in Rassen benutzt wird, heißt: „Maximalpigmentiert“
Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Auch in der Sprache, fanden ein paar Dogmaten und ersetzen das Wörtchen „man“, das fortan als frauenfeindlich zu gelten hat, durch „mensch“. Mensch musste also umdenken. Nun sind Menschen ja Männer und Frauen. Weil es aber mehr Frauen als Männer auf der Welt gibt, wollten die Damen der Schöpfung (Ist „Herren der Schöpfung“ eigentlich sexistisch?) ihren Teil des Kuchens und bestanden auf den Zusatz „In“ an jedem Wort, dass Männer und Frauen gleichermaßen kennzeichnete.
Der Nazi (die NaziIn natürlich auch) durfte also weiterhin: „Scheiß Ausländer“ brüllen, sofern er – politisch korrekt – die AusländerInnen miterwähnte. Totschlagen wollte er ja eh beide.Ein Erfolg für die Frauenbewegung, immerhin.
Nun ging das aber nicht weit genug. Um die Tatsache zu verschleiern, dass Ausländer eben aus einem anderen Land kommen, wurde flugs das Wort „Migrant“ erfunden. „Arbeitsmigrant“ klingt doch besser als „Gastarbeiter“. Die Bedeutung ist zwar identisch, aber das kümmert ja niemanden.
Gut klingen. Damit sich niemand mehr minderwertig fühlt, weil seine einzige Aufgabe im Leben daraus besteht, Frikadellen aufm Grill umzudrehen, bekommt er einen schönen, möglichst englischen Namen, den er vermutlich nicht aussprechen kann, der aber toll klingt.
Der Burgerfleisch-auf-dem-Herd-Umdreher wird zum „Assistant Manager of Food Production“. Derjenige, der den Burger in die Folie wickelt und guckt, ob auch alles drauf ist, was drauf soll, heißt dann „Director of Food Production“ und derjenige, der bei Stornos die Kasse aufschliesst „Director of Food Service“.
Der Kunde hat davon wenig, die Qualität der Produkte steigt nicht, der Service auch nicht und die Toiletten sind trotzdem dreckig.
Da hat die Klofrau…verzeiht, die „Reinigungsfachkraft fĂĽr die Reinlichkeit der Stoffwechselendproduktsentsorgungs- vorrichtung“ wohl versagt. Trotz des tollen Namens.
bisherige Kommentare:
Bassmasta schrieb am Dienstag, dem 1. 8. 2006:
Also ich finde deinen Beitrag sehr gut, da ich auch der Meinung bin, dass die deutsche Sprache heutzutage immer mehr und auf unschöne Weise verunglimpft wird.
AuĂźerdem find ich den Text (oder die Textin?^^) sehr unterhaltend^^
Patrice schrieb am Donnerstag, dem 22. 2. 2007:
Ich bin durch zufall auf diesen Text gestoĂźen und fand ihn sehr unterhaltsam.
Doch bei all der Meckerei, sollte auch erwähnt sein, dass ein Gros der deutschen Sprache eigentlich Latein, Französisch, English und desöfteren auch Griechisch ist.
Die “Verunglimpfung” fand also schon frĂĽher statt, und dessen Nachkommen haben Sie in ihrem Text zu genĂĽge benutzt.
Ein wohl einschlägiges Beispiel:
“quasi” ist nicht einmal eingedeutscht, so lernen wir doch in der Schule, dass das lateinische dem deutschen “quasi” gleichkommt.
Mit freundlichen GrĂĽĂźen,
Patrice