Geschrieben von Alex in der Rubrik „Aufgefunden”
Szene ist ScheiĂe und ich will kein StĂŒck ScheiĂe sein. Und doch lese ich auf diesem Flyer am Eingang zu einer Party: âDie Szene bist du.â Ein Hochglanzdruck fĂŒr billige Worte. Sie beleidigen mich. Ich gehöre nicht zu diesen aufgetakelten Huschen, die zitternd die Zeit ohne Gayparty ertragen. Ich bin kein Hengst, der seine Stute in dunklen GemĂ€uern zum Reiten sucht. Ich bin also die Szene?
Meine Fantasie kennt keine Grenzen. Dabei geht die Szene ĂŒber Klischees hinaus. Da treffen sich vereinsamte Alkoholiker, edle Junkies und zigfach operierte und Botoxgespritzte mimiklose Junggebliebene. Die Heteros bleiben den schwulen Partys mittlerweile weg, denn soviel Einsamkeit ertragen sie nicht auf einen Haufen.
Was soll ich da? Gehöre ich in diese verstaubte Schublade?
Ich bin kein Engel. Ich bin nicht prĂŒde. Ich bin genauso notgeil, wie du vielleicht. Aber ich bin ein Mensch. Ich lache, weine, ich denke, ich rede und ich höre zu. Ich habe gelitten und gefeiert. Ich habe eine Geschichte zu erzĂ€hlen, die lĂ€nger als zwei Cocktails standhĂ€lt.
Bin ich Szene? Was bin ich? Schwul, bi oder hetero? Was will mir dieser Flyer sagen? Sicherlich, dass zuviel Geld in zu wenig Hirn gespeist wurde.
Schwule Jungs wollen nicht mehr leiden. Sie haben Angst weil ihre Eltern, Verwandte, Freunde und sie selbst von platten Klischees ĂŒberrumpelt werden. Nicht nur die Medien, sondern auch die âBewegtenâ aus der Bewegung stehen still.
Sie demonstrieren fĂŒr Gleichstellung und Toleranz. Gleichzeitig poppen sie in Lederklamotten und TĂŒtĂŒ auf ihrem CSD-Wagen. Bitte, grenzt euch aus, aber tut das nicht im Namen aller Schwulen und Lesben. HomosexualitĂ€t ist kein Vereinseintritt. Doch jedes Wort gegen den âVereinâ wird mit bösen Worten quittiert. Erst recht, wenn sie aus den âeigenen Reihenâ stammen. Wieder so eine Floskel, die eher zu einem Parteibuch als einer SexualitĂ€t passt. Verrat, Diskriminierung, bla bla bla. Das darf ich mir öfter anhören. âDie Szene bist duâ, âSei stolz schwul zu seinâ. Das sind fĂŒr mich Diskriminierung und Beleidigungen. Schlimm genug als Ossi belĂ€chelt zu werden, aber noch schlimmer als schwuler Ossi. Gleichschaltung im Akkord nenne ich das.
Mein Name, dein Name â all das wird geschrumpft auf wenige Begriffe, die soviel ausrichten können. Mit schwul, gay oder queer verbindet sich viel zu viel, als das ich dazu geklebt werden möchte. Da spalten sich neue Gesellschaften und Lebensphilosophien ab, die ich nicht gewĂ€hlt habe und nicht wĂ€hlen möchte. DafĂŒr kĂ€mpfe ich nicht, dafĂŒr stehe ich nicht ein. Ich möchte als ganze Person anerkannt werden. Das ist aber nur möglich, wenn Menschen die Einzigartigkeit eines Jeden verstehen und somit akzeptieren. Das hört nicht bei der Regenbogenflagge auf, sondern fĂ€ngt da zeitweise erst an. Schwenke sie um zu zeigen, dass es eine Welt mit verschiedenen Gesichtern gibt, nicht nur weil du schwul bist. Lass sie stecken, wenn es um dich selbst geht. Sie erklĂ€rt nicht warum du bist wie du bist. Sie ist kein Tarnkleid fĂŒr eine profillose und langweilige IdentitĂ€t, die andere ihr Eigen nennen. Sie ist nur ein Symbol fĂŒr die VielfĂ€ltigkeit der Welt. Du bist schwul und was bist du noch?
Es ist schön Freunde zu haben, die eine Gemeinsamkeit mit dir haben, aber muss es denn immer die HomosexualitĂ€t sein? Es gibt Hobbys, gemeinsame Erfahrungen und so weiter. Kategorisiere Menschen nicht nach der Liebe auf einen Schwanz. Und lasse dich nicht kategorisieren. Du musst einen Menschen nicht damit begrĂŒĂen: âHallo mein Name ist⊠Ich bin ĂŒbrigens schwulâ. So etwas ergibt sich. Nur verstecken musst du dich nicht. Es gibt ein Leben auĂerhalb der Szene, dass gelebt werden kann, ohne dabei fast religiösen Vorstellungen der Rosa Truppe zu folgen.
Gemeinsinn statt Eigensinn, aber fĂŒr und mit all meinen Mitmenschen, egal ob schwul, lesbisch, bi oder hetero, transsexuell oder mit zwei SchwĂ€nzen und drei Titten.
Ich sage nicht, dass ich jeden sympathisch finde. Es gibt genug Fratzen auf dieser Welt, die mir lieber nicht ĂŒber den Weg laufen sollten. Ich habe einen Traum, dass eines Tages keine E-Mail mehr in meine Mailbox schneit, die von sorgenreichen Coming Outs erzĂ€hlt, von Selbsthass aufgrund der HomosexualitĂ€t oder VerstĂ€ndnislosigkeit der Eltern. Ich habe nicht umsonst Martin Luther Kings berĂŒhmtes Zitat abgewandelt. So trafen Menschen mit anderer Hautfarbe als meiner, keine Entscheidung anders auszusehen als ich. Sie wurden damit geboren. Sie sind Erwartungen ausgesetzt, die sie hĂ€ufig nicht erfĂŒllen können. Nicht jeder Afrikaner hat einen langen Schwanz und nicht jeder Latino springt sofort nach einem heiĂen Flirt ins Bett mit mir. So leben alle, die nicht den Vorstellungen der Allgemeinheit entsprechen, in einem GefĂ€ngnis von Selbstkomplexen. So langsam verstehe ich den zerknĂŒllten Flyer in meiner Hand. Szene bietet Schutz, genau wie eine Gewerkschaft oder eine Sekte. Sie schottet einen von der AuĂenwelt ab, der bösen AuĂenwelt. Neid kommt bei mir nicht auf. DafĂŒr bleibt ein bisschen Platz fĂŒr Mitleid. Ich habe Mitlied mit diesen Szenetypen. Sie wollen keine AuĂenseiter sein und sind es doch, nur anders.
âDie Szene bist duâ â Jetzt klingen die Worte in meinen Ohren wie ein Nachruf und Hilfeschrei zugleich. Und das ist das Ende.
Und mein Anfang ist es, ich selbst zu sein. Es kostet Kraft gegen Traditionen, Klischees und Sturköpfe anzugehen. Ich bin kein Stier mit groĂen Hörnern, eher ein sanftes Reh auf dieser Welt, und ich habe Angst. Genau das sagt mir, dass ich den richtigen Weg gehe. Nach vorne zu gehen, ohne zu wissen was kommt, macht einem immer Angst. Allein zu wissen, dass ich da vorne nicht allein sein werde, gibt mir Mut. Und so schmeiĂe ich diesen Flyer âDie Szene bist duâ ins Klo und spĂŒle ihn runter.
Dieser Artikel wurde erstmals im Januar 2004 veröffentlicht bei SeiDu und wurde auch in der Du&Ich abgedruckt. Noch heute ist der Artikel im Umlauf, weil er vielen aus der Seele spricht und gleichzeitig soviele angreift. Letzten erblickte ich den Artikel sogar mehrfach ausgedruckt bei einer Jugendgruppe liegen. Und in der Hausarbeit “Die homosexuelle Szene und der Versuch ihrer IdentitĂ€tsfindung” von Michael Bahn (PDF) wurde der Kommentar “Szene ist ScheiĂe” auch zitiert.
Ein Kommentar:
bĂŒlle schrieb am Montag, dem 24. 3. 2008:
ich mal dir nen surreales bild von der plumpern szene.